12. november

Wieder so ein wunderschöner klarer Herbstmorgen. Ich denke jetzt häufig an Marie T. Martin, die ich nie kennen gelernt habe. „Nur“ ihre Gedichte, die Bilder von ihrem schönen sanften Gesicht. Ihr Geburtsdatum kenne ich, so dass ich weiß, wie jung sie war, als sie gehen musste. Ich wünschte mir, sie könnte das goldene Herbstlaub sehen, sehen wie wir sie vermissen, selbst die, die sie kaum gekannt haben. Wie mag es erst denen gehen, die ihr wirklich nah standen!

Ich denke daran, wie uns immer wieder die Worte fehlen, um Trauer auszudrücken. Wie dankbar wir sind für die Formeln und Rituale. Und wie selten wir wirklich über Tod und Sterben nachdenken. Oder gar sprechen.

Ich erinnere mich an das erste Mal, als mir bewusst geworden ist, dass auch ich sterblich bin, sterben werde. Wie sich alle Gedanken ins Leere drehten, wie sie eingesogen wurden von einem großen schwarzen Loch. Wie ich buchstäblich den Boden unter meinen Füßen verlor. Wie diejenigen, die tot sind, immer zahlreicher werden. Und wie gerne ich daran glauben möchte, dass man sich eines Tages wieder sieht, ohne Gebrechen und Krankheiten, ohne Müdigkeit und Schmerzen, um Tage und Nächte unentwegt zu lesen und zu dichten, zu reden und einander zuzuhören.

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Ich schreibe jetzt nur noch den Toten. Manchmal schreiben sie zurück. Es ist nicht unheimlich. Einladend ist es auch nicht. Sie führen mich nur immer näher an eine Schnittmenge heran. Und meine Schritte (und vielleicht auch meine Schrift) werden willkürlicher, entziehen sich meinem Wissen. Werden weicher. Und nennen es Wehmut.