Der Tag an dem mir meine Überheblichkeit auf die Füße gefallen ist

Am Sonntag waren an die 100 Darsteller und Künstlerinnen Teil des riesigen Open Air Festivals RadKulTour. Verteilt auf einer 25 km langen Bühne. Uns als Bielefelder Autorengruppe hatte man im Abseits positioniert. Ehrlich gesagt rechnete ich nicht damit, dass überhaupt Zuhörer kommen würden. Aber das Wetter war wie gemacht für diesen Tag und die Zuhörer kamen viel zahlreicher als ich es für möglich gehalten hätte. Das Konzept von Fotoausstellung und Text schien aufzugehen und alle hatten Spaß. Während ich mir missmutig die inzwischen über 10 Jahre alten Texte (es ging um unser Buch Flüsse ausgraben) anhörte und zu meiner eigenen Verwunderung feststellte, dass ich selbst gar nicht lesen wollte.

Erst am Montag morgen auf dem Weg zur Arbeit habe ich mir Gedanken darüber gemacht, was da los war. Was mit mir los war. Und bin zu mir selbst einleuchtenden Einsichten gekommen: ich mag keine Konkurrenzsituationen, das Antreten gegeneinander, denn natürlich absolviert niemand 100 Stationen und die Tatsache, dass wir mit unserem Projekt dermaßen ins Abseits gestellt worden waren, wirkte mit kränkenden Nebenwirkungen nach.

Trotzdem war es letztendlich eine gute Erfahrung für mich. Ich habe in diesen 4 für mich sehr langen Stunden zwar keinen Spaß gehabt, aber dafür erkannt, dass das kein Schicksal gewesen ist, sondern meine eigene Entscheidung. Dieser Nachmittag wäre die ideale Bühne für Experimente gewesen. Und dafür mich unabhängig zu machen vom Wunsch dem Publikum zu gefallen. Eine Möglichkeit, den Text in den Mittelpunkt zu stellen und keine Reaktionen vom Auditorium zu erwarten, sondern neugierig zu sein auf das, was sich entwickeln, was passieren würde.

Inzwischen bin ich völlig ausgesöhnt mit dem Sonntag. die Einsicht zu der mir die Stunden im abgelegenen Findlingsgarten verholfen haben, sind ganz bestimmt nachhaltiger als die paar Stunden schlechte Laune.

6 Gedanken zu “Der Tag an dem mir meine Überheblichkeit auf die Füße gefallen ist

    1. Ja vielen Dank, ich finde es auch inzwischen immer leichter, die angeblich nur doofen Erfahrungen anzuklopfen auf irgendwelche Lektionen. Ist doch sehr erleichtern, dass man immer weiter lernt und sich entwickelt und verändert.

  1. Ich sehe da auch nicht unbedingt Überheblichkeit. Es ist das alte – sehr menschliche – Dilemma, dass wir uns selbst in unserer Welt-Wahrnehmung eben als Zentrum von allem sehen, während wir das für die anderen eben nicht sind. Lebenserfahrung bedeutet für mich deshalb auch immer wieder, von sich abzusehen. Was nicht bedeutet, dass man sich still in den Schatten stellt, sondern sich der „Konkurrenz“ (wir sind nun mal viele auf diesem Planeten) bewusst wird.

    1. Aber diese Sich von sich selbst als Zentrum von allem ist ja schon ein gewisses sich überheben an der Wirklichkeit. Vielleicht ist der Ausdruck doch nicht so verkehrt. Aber ich gebe Dir uneingeschränkt Recht, dass es wohltuend ist und lehrreich von sich selbst abzusehen, man sieht dann einfach auf einmal ganz andere Dinge. Und Konkurrenz ist ja vielleicht auch häufig genug eine Frage der Perspektive. Wenn ich beleidigt bin, weil es nicht so läuft, wie ich mir das vorgestellt hatte, sehe ich ganz viel Konkurrenz, wenn ich von mir absehen kann und die Dinge so nehme, wie sie eben sind, sehe ich plötzlich ganz viel Solidarität. Ich finde das immer wieder sehr sehr tröstend, dass so vieles vom Blickwinkel abhängt, den eine ja (vielleicht nicht immer einfach aber doch) ändern kann.

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