(18)

Ich will immer so viel, alles auf einmal, und dann – natürlich – gelingt nichts. Ich weiß das, und nicht erst seit gestern, trotzdem komme ich Tag für Tag weniger dagegen an. Gestern habe ich mir meine Einsamkeit eingestanden. Eins der letzten Tabus unserer Tage – obwohl ich auch solchen Formulierungen misstraue. Vermutlich gibt es viel mehr Tabus als wir wissen, sobald wir erkennen, da ist ein Tabu, ist es ja bereits auf dem Weg diesen Status zu verlieren. Auch wenn das länger als ein Menschenleben dauern kann. Das Verrückte bei mir ist ja, dass ich einsam bin, aber nicht sicher, ob ich darunter leide, oder ob ich nur darunter leide, dass ich auch in diesem Punkt einfach nicht der gesellschaftlichen Norm entspreche. Ich habe das meinen Kindern nie bieten können: große ausgelassene Familienfeste, weil der Teil der Familie zu der ich Kontakt habe sehr klein ist, und besonders ausgelassen sind die wenigsten von ihnen. Einmal habe ich eine größere Geburtstagsfeier veranstaltet, vielleicht 15 Menschen waren da, es war sogar sehr schön, das waren Leute, die ganz unterschiedlich waren, und doch haben sich alle gut miteinander unterhalten, aber gleich zu Anfang der Feier hat sich mein jüngster Sohn verletzt und mein Mann musste mit ihm in die Notaufnahme fahren. Es war dann nicht schlimm, die Wunde wurde verarztet und danach war er fröhlich wie immer, aber trotzdem war das die letzte größere Feier. Das liegt nicht daran, dass ich nicht gerne Gäste habe. Ich habe gerne Gäste. Aber offensichtlich habe ich keine Begabung, Freundschaften zu pflegen, so zu pflegen, dass sie unterschiedliche Lebensphasen und viele Jahre überleben. Also gehen sie ein die Freundschaften, ohne großen Krach meistens (das gab es auch, aber extrem selten), oder vegetieren so vor sich hin, man kennt sich schon ewig, also denkt man gegenseitig an die Geburtstage, wünscht sich frohe Weihnachten und ein gutes Neues Jahr, und ab und zu versucht man sich noch einmal zu verabreden, um dann zu merken, eigentlich hat man sich längst nichts mehr zu sagen.

Und jetzt möchte ich etwas anfangen mit dieser Erkenntnis, dass ich so schlecht darin bin, Freunde zu behalten und vielleicht noch schlechter darin, neue Freundschaften zu schließen, aber es geht nicht. Ich erinnere mich an meine letzte Reha, wie überall um mich herum Grüppchen entstanden, wenigstens Kurzzeit Zweckfreundschaften, und ich wieder einmal merkte, dass ich irgendwie nirgendwo dazu gehöre, dass ich nicht kompatibel bin. Und wenn ich ganz ehrlich bin, fühle ich mich dann nicht einsam, sondern falsch, ich schäme mich, dass ich so anders bin. Und wirklich: am meisten schäme ich mich dafür als Mutter. Ich hatte immer diesen Traum von einem großen offenen Haus, in dem ständig Menschen ein und aus gehen, Zeit miteinander verbringen, Gespräche führen. Aber die kurze Zeit, während der unser Küchentisch wirklich voll war, fast jeden Tag, und ein reges Kommen und Gehen herrschte, verdanke ich meinen Kindern. Es waren ihre Freunde, die hier ein – und ausgingen.

Und vielleicht bin ich also gar nicht einsam, sondern habe nur die falschen Ansprüche an mich. Ich will so viel und dann gelingt nichts? Möglicherweise ist nichts verkehrt daran, so zu sein. Nur den falschen Ansprüchen hinterher zu rennen, die eigentlich gar nicht die eigenen sind.

14 Gedanken zu “(18)

  1. (Du Liebe, ich fühle dich, ich fühle mit und erkenne ich mich in manchen Sätze wieder. Diese Nähe von einsam und falsch/verkehrt/nicht kompatibel zum Beispiel.
    Ich hoffe, dass wir uns irgendwann bald wiedersehen können und uns, da bin ich sicher, viel zu sagen haben werden.)

  2. Oh, da erkenne ich mich auch in vielem wieder; meine große Furcht ist, dass ich am Lebensende die viele Alleinezeit bereuen könnte und „nicht richtig“ gelebt zu haben. Aber was ist das schon – „richtig“ leben…?

    1. Seltsamerweise kenne ich diesen Gedanken nicht, ich habe eben nur dieses elende Gefühl, versagt zu haben, als Unterstützerin und Vorbild, und überhaupt als jemand, der viele schöne Erinnerungen hinterlässt, in Bezug auf meine Kinder.

      1. oh, ich glaube aber ganz sicher,  dass du auf deine art auch ganz viel bei deinen kindern hinterlassen hast und hinterlässt. so eine tiefgründige und ehrliche frau, als die ich dich lese!

  3. Ich denke mir immer, solange man jeden Tag einen guten Gedanken führt, ist man nicht allein. Jeder Satz, den man über unerfüllte Ansprüche notiert, erfüllt einen Anspruch. Jede Äußerung über ein nicht gelungenes Leben enthält im Kern sein Gelingen. Mit dieser Einstellung halte ich mich gut über Wasser. Ich denke mir, dass meine Einsamkeit und meine Melancholie Katalysatoren sind der Art und Weise eines befriedigenden Lebens, in dem eine gewisse gewünschte Kreativität kaum gelingt, aber immer zufriedenstellt.

    Liebe Grüße
    Achim

  4. die letzten zeilen sind die essenz und eine wichtige erkenntnis!
    ich glaube, es kommt letztlich darauf an, wie du dich wohl fühlst, und das kannst nur du ganz allein wissen. es gibt doch so viele lebensfacetten, lebensstrategien. ich kann deine zeilen sehr gut nachfühlen, aber dieses gefühl irgendwie „falsch“ zu sein, fehl am platz, konnte und kann ich glücklicherweise schon lange hinter mir lassen. du bist, wie du bist, und das ist gut so. hat auch was mit sich-selbst-annehmen zu tun. 🙂 einen ganz lieben gruß sendet diana

    1. Danke Diana, in guten Phasen denke ich das auch, dass ich so weit bin, und mich kaum interessiert, was andere von mir denken. Aber dann kommt einfach dieses Gefühl mit aller Macht über mich und alle Theorie, all der Verstand kann dann nicht viel ausrichten. Möglicherweise muss ich es einfach aushalten, weil ich dadurch endlich fähig sein werde, einen Schritt weiter zu gehen, oder die Richtung zu wechseln, näher hin zu mir selbst.

  5. So Vieles, was ich unterschreiben kann, gerade jetzt.
    Ich träume von einer Freundinnentour quer durch D, du liegst auf der Route und ich erinnere mich gerne daran, wieviel wir uns zu sagen hatten!

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