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Als ich morgens in die Küche komme, sitzt der einbeinige König mit Tove Ditlevsen am Tisch. Sie diskutieren über Methadon , über Abhängigkeit, Selbstvertrauen und Musik. Mich bemerken sie gar nicht. Warum auch? Selbst ich sehe mich nicht. Die Tulpen verwelken auf eine elegant andächtige Art und ich würde mir gerne den Weg weisen, dabei traue ich mir nicht über den Weg, den ich nie als meinen erkenne.

Kinder kriegen Reproduktion reloaded

„Kinder kriegen“, so eindeutig der Titel dieser Anthologie erscheinen mag, ist nicht nur ein außergewöhnlich relevantes Buch, sondern zeugt zugleich im besten Sinne von Gleichberechtigung. Denn in Reproduktion Reloaded geht es zwar um das „Kinder kriegen“, aber mindestens ebenso um die Tatsache, dass dieses Phänomen Männer ebenso angeht wie Frauen. Die Herausgeberinnen Barbara Peveling und Nikola Richter haben einen vielstimmigen Chor unterschiedlichster Stimmen versammelt. Beiträge, die allesamt Fragen aufwerfen, die uns als Gesellschaft angehen.

Einig sind sich die Texte höchstens darin, dass Kinder zu bekommen, die vermeintlich natürlichste Sache der Welt, etwas ist, dass nicht ausschließlich die Paargemeinschaft betrifft. Tatsächlich sind Kinderwunsch und das Leben mit Kindern immer wieder weitreichende Entscheidungen, umso weitreichender weil sie nicht nur den Körper der Frau betriffen, sondern auch zahlreiche gesellschaftliche Erwartungen und Rollenzuschreibungen. Weil ein Kinderwunsch auch bestehen kann, wo kein Frauenkörper eine Rolle spielt, und weil nicht jeder Frauenkörper automatisch mit einem Kinderwunsch gekoppelt ist. Es ist alles andere als einfach, sich die Veränderungen bewusst zu machen, die damit einhergehen plötzlich als Eltern zu leben, und die Frage der Reproduktion ist niemals eine rein individuelle, sondern immer gleichzeitig gesellschaftlich relevant. Und so einzigartig die Texte, die zumeist biografisch und bewundernswert aufrichtig von der eigenen Verortung und Verwicklung in diesem Themenkomplex erzählen, auch sind, ist ihnen gemein, dass sie neben aller Individualität auch von gesellschaftlichen Einflüssen erzählen, und von der Vielfalt der gesellschaftlichen Relevanz.

Jeder Beitrag erzählt bei aller Individualität von dem Bewusstsein, dass Kinder zu bekommen einen Rattenschwanz an Erwägungen, Veränderungen, Vor- und Nachteilen nach sich zieht, den sich Eltern bewusst machen (müssen), bevor sie eine Entscheidung treffen.

Dabei geht es um den Einfluss, den das Alter auf die Elternrolle spielt. Um den gesellschaftlichen Druck, insbesondere auf Frauen. Aber auch um den jeweiligen Zeitgeist, der es Männern erlaubt, Worte zu finden oder eben nicht, wie der beeindruckende Text von Egon Koch demonstriert, der vor 40 Jahren keine Alternative dazu sah, seiner Partnerin die Entscheidung über eine Abtreibung zu überlassen: „Ja, es war ihr Bauch. Entscheidung ist wohl das falsche Wort. Wir waren ferngesteuert.“

Antje Schrupp setzt sich in ihrem Text mit dem unhinterfragtemPhänomen des „Schwangerwerden könnens“ auseinander. Strukturpolitisch fundiert erklärt sie wie weitreichend sich eine Tatsache auswirkt, die eine Fülle von Fragen aufwirft, über die wir uns als Gesellschaft kaum auseinandersetzen.

Fragen, die darüber hinausgehen und gleichzeitig damit zu tun haben, dass die Rollenerwartungen an Männer und Frauen diffuser und unübersichtlicher geworden sind. Was keinesfalls mehr Freiheit für die Eltern bedeutet. Nicht zuletzt weil wir als Gesellschaft von einer Vereinbarkeit von Familie und Beruf immer noch weit entfernt sind.

Nichts wird in dieser Anthologie ausgespart, weder Leihmutterschaft noch Reproduktionsmedizin, oder das Tabu über tote Kinder zu reden, über Fehl- und Totgeburten. Darüber, wie es sich mit einem toten Kind lebt, und damit, dass die Mutter mit der lebendigen Leerstelle irgendwann sehr allein ist. Julia Faust hat dazu einen schmerzhaft wahren Text geschrieben. Dennoch: trotz all der Schwere, trotz der Fülle an längst noch nicht überwundenen Problemen, ist Kinder kriegen eine fesselnde Lektüre, man liest die Beiträge gerne, weil sie so lebensnah und vor allem aufrichtig sind. Und allesamt eine hohe literarische Qualität aufweisen.

Auf bedrückende Weise erhellend sind auch die Texte über Rassismus und Sexismus, der von innen oder außen die Familie angreift, geschrieben von Andrea Karimé und Ulrike Draesner, die ihre Geschichte vom Leben mit einem nichtgrünäugigen Kind in die Möglichkeit zu Offenheit und Verbundenheit münden lässt, wenn sie in Aussicht stellt, „[…] dass die Frage: Wo kommst du (eigentlich) her? ersetzt wird durch die Frage: Wo wollen wir hin? Wir, zusammen.“

Nicht nur in diesem Sinne ist es sehr stimmig, dass die Textsammlung mit einem kollektiven Text des Netzwerkes WRITING WITH CARE/ WRITING WITH RAGE abschließt, denn um Einigung oder Einigkeit kann und soll es in diesem Buch nicht gehen, sondern um Gesprächsbeiträge, die in ihrer Offenheit Widerspruch und/oder Ergänzung hervorrufen. Nicht um am Ende ein vollständiges Bild entstehen zu lassen, aber um die Grundlage für eine fundierte Auseinandersetzung bereit zu stellen.

Heji Shin – Baby

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Heji Shin, 1976 in Seoul geborene und heute in New York lebende Künstlerin hat Nikola Dietrich für mich entdeckt, in dem wunderbaren Band „I love women in Art“. Bereits beim flüchtigen Durchblättern des schönen Bandes bin ich sofort an ihrerm „Baby 7, von 2016 hängen geblieben.

Es ist ein sehr intimes Bild. Es ist ein rohes Bild, man sieht Blut und völlig Erschöpfung, man sieht die Zerbrechlichkeit des Babies und die Gewalt und Grausamkeit der Geburt. Vor allem aber sehe ich den Moment des Übergangs vom noch nicht auf der Welt sein zum auf die Welt kommen.

Was die Fotos so verstörend und gleichzeitig bezaubernd, oder sollte ich schreiben: wichtig, elementar macht, ist die Tatsache, dass sie in aller Deutlichkeit zeigen, wie sehr Sterblichkeit und Leid von Anfang an unser Leben begleiten, wenn nicht bestimmen. Ihre Baby Serie zeigt Fotos, die genau diesen Zwischenzustand zwischen nicht mehr und noch nicht aufzeigen, diesen Übergang von einer Sphäre zur nächsten, ein Übergang über den wir selten reden, weil wir es nicht können, oder weil es so schwer ist, dass wir es nicht einmal versuchen. Die Transformation vom noch nicht auf der Welt sein und diejenige vom die Welt verlassen. Denn diese zweite Ebene spielt für mich wesentlich hinein in die zutiefst berührenden, fesselnden und abstoßenden Fotos von Heji Shin. Es sind Fotos, die Grenzen aufbrechen, Tabus. Die Gesprächsräume öffnen, gerade weil sie wissen, dass der Andrang in diese Räume bestenfalls zögerlich erfolgen wird.

Die Bilder von blutigen Babies, so sagt sie in einem Interview, das auf Fräulein Magazin nachzulesen ist, waren in ihrem Kopf, ohne dass sie sich an einen besonderen Impuls dafür erinnern konnte. Fortan sprach sie schwangere Mütter an, unbekannte Frauen mit dickem Bauch, mitten auf der Straße. Wenig erstaunlich hatte sie weder bei diesen Versuchen Erfolg, noch als sie später in Geburtsvorbereitungskursen, Schwangerenyoga und all diesen Orten, an denen sich speziell Schwangere aufgrund ihrer Schwangerschaft und der bevorstehenden Geburt aufhalten. Mehr Glück hatte sie dann schließlich als sie Kontakt zu einigen Hebammen aufnahm, die sie für ihr Projekt gewinnen konnte, und die wiederum einige der Mütter überzeugen konnten.

Shin betont, dass die Fotos nur einen Aussschnitt zeigen, nicht Abbild einer irgendwie gearteten allgemeingültigen Wirklichkeit sind. Sie sind Entscheidungen der Künstlerin und sie sind aus dem Zusammenhang gerissene besondere Momente. Dennoch sind sie außerordentlich wahrhaftig.

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„Dali ging in seiner Verfolgung der Suggestion des Unbewußten so weit, daß er seine Staffelei am Fuß des Bettes aufstellt, damit er sich vor dem Einschlafen auf das unvollendete Bild konzentrieren konnte, um seine Träume in die Richtung seiner Entwicklung zu lenken. Zu anderen Zeiten „wartete ich stundenlang auf solche Eingebungen. Dann verharrte ich ohne zu malen in großer Spannung…“; oder er versuchte mit allen Mitteln, Wahnsinn zu simulieren.“

Aus einem Buch des Taschen Verlags über Salvador Dalí herausgesucht, weil ein Kollege mich kürzlich an ihn erinnerte. Bzw. die Art, wie seine Gedichte traumhaft surreal Worte aneinander fügen, wie weit er sich scheinbar von jeglicher Realität löst, von jedem Impuls und Anlass, vielleicht sogar von jeder Art von Sinn, um dann, sobald man sich etwas länger, offener damit beschäftigt, eine erstaunliche und irgendwie tiefere Perspektive zu eröffnen.

Überhaupt bin ich gerade umgeben von Bildern, die letzten Artikel, die ich geschrieben habe, waren solche über „Fensterausstellungen“, das einzige, was derzeit möglich ist, wenn man als Künstlerin im Analogen bleiben will. Außerdem bin ich mit einer Fotokünstlerin ins Gespräch gekommen, und nicht zuletzt kam vor einigen Tagen „I love Women in Art“ von Bianca Kennedy und Janine Mackenroth hier an. Beim Durchblättern bin ich sofort bei der aufsehenerregenden Arbeit von Heji Shin hängen geblieben, darüber vielleicht morgen mehr.

Ich glaube ja nicht an Zufälle, und die Sache mit den Bildern ist sehr leicht zu erklären, weil ich mich seit Monaten mit einem Bild beschäftige, über das ich etwas schreiben soll und möchte. Die Tatsache, dass es ein dermaßen beeindruckendes, aber gleichzeitig unerschöpfliches Werk ist, und dass das Projekt schön und wichtig ist, macht es mir vielleicht schwerer als nötig. Weil ich dann wieder so hinderliche Dinge denke, wie dass ich es sehr sehr gut machen muss, dass ich auf keinen Fall das Ganze durch meine minderwertige Arbeit vermasseln darf, dass es ohnehin ein Irrtum ist, dass ausgerechnet ich dazu eingeladen worden bin, dass die Initiatoren, sobald ich etwas eingeschickt habe, die Hände über den Kopf zusammenschlagen werden. Und da kommt der Verweis, die Erinnerung an Dali sehr recht, weil es eine Möglichkeit darstellt, dieses dämliche Ego zu überlisten, und sich stattdessen auf die erstaunliche Kraft des Unbewussten zu besinnen.

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Ich will immer so viel, alles auf einmal, und dann – natürlich – gelingt nichts. Ich weiß das, und nicht erst seit gestern, trotzdem komme ich Tag für Tag weniger dagegen an. Gestern habe ich mir meine Einsamkeit eingestanden. Eins der letzten Tabus unserer Tage – obwohl ich auch solchen Formulierungen misstraue. Vermutlich gibt es viel mehr Tabus als wir wissen, sobald wir erkennen, da ist ein Tabu, ist es ja bereits auf dem Weg diesen Status zu verlieren. Auch wenn das länger als ein Menschenleben dauern kann. Das Verrückte bei mir ist ja, dass ich einsam bin, aber nicht sicher, ob ich darunter leide, oder ob ich nur darunter leide, dass ich auch in diesem Punkt einfach nicht der gesellschaftlichen Norm entspreche. Ich habe das meinen Kindern nie bieten können: große ausgelassene Familienfeste, weil der Teil der Familie zu der ich Kontakt habe sehr klein ist, und besonders ausgelassen sind die wenigsten von ihnen. Einmal habe ich eine größere Geburtstagsfeier veranstaltet, vielleicht 15 Menschen waren da, es war sogar sehr schön, das waren Leute, die ganz unterschiedlich waren, und doch haben sich alle gut miteinander unterhalten, aber gleich zu Anfang der Feier hat sich mein jüngster Sohn verletzt und mein Mann musste mit ihm in die Notaufnahme fahren. Es war dann nicht schlimm, die Wunde wurde verarztet und danach war er fröhlich wie immer, aber trotzdem war das die letzte größere Feier. Das liegt nicht daran, dass ich nicht gerne Gäste habe. Ich habe gerne Gäste. Aber offensichtlich habe ich keine Begabung, Freundschaften zu pflegen, so zu pflegen, dass sie unterschiedliche Lebensphasen und viele Jahre überleben. Also gehen sie ein die Freundschaften, ohne großen Krach meistens (das gab es auch, aber extrem selten), oder vegetieren so vor sich hin, man kennt sich schon ewig, also denkt man gegenseitig an die Geburtstage, wünscht sich frohe Weihnachten und ein gutes Neues Jahr, und ab und zu versucht man sich noch einmal zu verabreden, um dann zu merken, eigentlich hat man sich längst nichts mehr zu sagen.

Und jetzt möchte ich etwas anfangen mit dieser Erkenntnis, dass ich so schlecht darin bin, Freunde zu behalten und vielleicht noch schlechter darin, neue Freundschaften zu schließen, aber es geht nicht. Ich erinnere mich an meine letzte Reha, wie überall um mich herum Grüppchen entstanden, wenigstens Kurzzeit Zweckfreundschaften, und ich wieder einmal merkte, dass ich irgendwie nirgendwo dazu gehöre, dass ich nicht kompatibel bin. Und wenn ich ganz ehrlich bin, fühle ich mich dann nicht einsam, sondern falsch, ich schäme mich, dass ich so anders bin. Und wirklich: am meisten schäme ich mich dafür als Mutter. Ich hatte immer diesen Traum von einem großen offenen Haus, in dem ständig Menschen ein und aus gehen, Zeit miteinander verbringen, Gespräche führen. Aber die kurze Zeit, während der unser Küchentisch wirklich voll war, fast jeden Tag, und ein reges Kommen und Gehen herrschte, verdanke ich meinen Kindern. Es waren ihre Freunde, die hier ein – und ausgingen.

Und vielleicht bin ich also gar nicht einsam, sondern habe nur die falschen Ansprüche an mich. Ich will so viel und dann gelingt nichts? Möglicherweise ist nichts verkehrt daran, so zu sein. Nur den falschen Ansprüchen hinterher zu rennen, die eigentlich gar nicht die eigenen sind.

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Was mir neben der Ambivalenz der Klienten und Folgerichtigkeit der kurzen Episoden bei der Serie „In Therapie“ so gut gefallen hat, war die nur sehr subtil sich langsam entwickelnde Einsicht für den Zuschauer, dass der Therapeut eben die Probleme hat, von denen seine Patienten erwarten, er möge sie lösen. Möglichst schnell, effektiv und ohne Eigenbeteiligung der Leidenden. Was für mich persönlich in meiner aktuellen Phase noch einmal besonders nachhallt, ist die Kompromisslosigkeit und Wut der zu Therapierenden. Mit welcher Vehemenz sie auf ihren Standpunkt und ihre Wahrheit bestehen, wie wenig sie bereit sind, Kompromisse einzugehen, oder zu gefallen.