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Der Regen fällt überhaupt nur, weil er erleichtert ist, weil es ihn erleichtert, weil er leicht genug ist, um sich fallen lassen zu können. Was für ein Rausch, denkt er, und dass alles eitel ist, das steht bereits in der Bibel. Also ist auch er eitel. Und ein Verbrechen ist das nicht. Nicht einmal eine Sünde. Aber auch nicht so schön, wie zu scheitern, nicht so erleichternd. An der Bemühung, nicht zu scheitern, das Scheitern zu vermeiden, die Beschämung und die Genugtuung derjenigen, die schon immer wussten, dass wir das nicht können (wir Regentropfen, oder wir Anna, Brigitte, Claudia…) zu vermeiden, haftet eine Schwere, eine Aufgabe, die es verhindert, dass wir beschwingt durch die Gegend laufen, oder eben auf unsere eigene unnachahmliche Art und Weise vom Himmel fallen. Diese Schwere ist wie der Glassarg, in dem Schneewittchen liegt, unfähig sich zu bewegen, nicht einmal mit der Möglichkeit versehen, die Augen zu öffnen. Und die Zwerge, die es doch eigentlich gut mit ihr meinen, haben nichts Besseres zu tun, als sie den Blicken aller auszusetzen. Leider kann man Schwere nicht teilen. Nur abwerfen. Und so muss auch Schneewittchen in ihrem Sarg stolpern und fallen, um wieder die zu werden, die sie einmal war. Also eine, die verstoßen und verfolgt wurde, und dann Freunde fand, die sie aber nicht beschützen konnten. Und für die jetzt angeblich alles gut ist, weil ein schöner Prinz sie heiratet. Ich weiß gar nicht, ob ich das Märchen von Schneewittchen jemals mochte. Vielleicht nur den Anfang, die Bluttropfen, das Ebenholz, der Wunsch, eine nähende Frau am offenen Fenster. Und ihr Scheitern. Denn wenn sie geschickt gewesen wäre, hätte sie sich nicht gestochen. Und es hätte nie ein Schneewittchen gegeben. Eine der unendlich vielen Geschichten vom Scheitern.