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[…] Wenn die Wörter einfach so herausfließen, wie kann man dann je sicher sein, daß das Wort Feder mit einer seiner Nebenbedeutungen nicht ein paar Wörter weiter an dem Wort Sirup und einer seiner Nebenbedeutungen kleben bleibt? In schlechter Dichtung passiert genau das: die Wörter bringen einander um. Glücklicherweise mußt du dich darum nicht kümmern, wenn du nur eines tust: Du mußt dir das wirklich vorstellen, wovon du schreibst. Es sehen und es leben. Denke es dir nicht mühselig aus, als müßtest du dich im Kopfrechnen üben. Schau es nur an, berühre es, rieche es, höre ihm zu, verwandle dich in es. Wenn du das tust, kümmern sich die Worte schon um sich selbst, es ist wie Zauberei. Du brauchst dich dann nicht um Kommas oder Punkte oder solchen Kram zu scheren. Schau auch nicht auf die Wörter. Halte deine Augen, deine Ohren, deine Nase, deinen Geschmack, dein Gefühl, dein ganzes Sein auf das gerichtet, was du in Worte verwandelst. In dem Augenblick, in dem du zurückweichst, dein Denken von ihm abwendest und beginnst, auf die Wörter zu schauen und dich um sie zu sorgen, geht deine Besorgnis in sie ein, und sie fangen an, einander umzubringen. Also, bleib dabei und mach weiter, so lange du kannst, dann schau an, was du geschrieben hast. Mit ein bißchen Übung, und wenn du dir ein paar Mal gesagt hast, daß es dir egal ist, wie andere vor dir darüber geschrieben haben, kriegst du es so heraus; und wenn du dir dann noch sagst, daß du jedes alte Wort verwenden wirst, das dir in den Sinn kommt, sofern es dir in dem Augenblick, in dem du es niederschreibst, richtig erscheint, dann wirst du dich selbst überraschen. Du wirst durchlesen, was du geschrieben hast, und einen Schrecken bekommen. Du hast einen Geist gefangen, ein Geschöpf.“

(Ted Hughes: Wie Dichtung entsteht)

Kennengelernt habe ich Ted Hughes als Mörder. Das war natürlich ungerecht, aber doch ziemlich nachhaltig, so dass ich mir tatsächlich sein Werk erst in den letzten Jahren sozusagen erlaubt habe. Und das liegt natürlich an Sylvia Plath, die ich wiederum auf einem Grabbeltisch in Form einer Biografie entdeckt habe. Einer Biografie, in der so unzweifelhaft klar war, dass Ted Hughes Schuld an ihrem Selbstmord war, dass er ganz viele Jahre lang, während ich mich nach und nach von Plaths Tagebüchern über die Glasglocke und die Geschichten endlich zu ihren Gedichten hervor las, ein dunkelrotes Tuch für mich war. Keine Ahnung, ob ich ihm Unrecht getan habe, aber mir selbst habe ich wirklich beeindruckende Texte und Gedichte vorenthalten.