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Was macht das Gedicht mit dem Alltag? Wie verändert sich der Tag, wenn ich ihn nicht mit den Schlagzeilen aus der Zeitung, den Nachrichten aus dem Radio, sondern mit der stillen Zwiesprache mit einem Gedicht beginnen lasse?

Während die Schlagzeilen mich erschrecken, bestenfalls „nur“ informieren, lädt mich das Gedicht zu einem Gespräch ein, zu einer Auseinandersetzung. Es stellt sich mir vor und wartet, bis ich eintrete. Anders als die Nachrichten genügt es ihm nicht, dass ich es konsumiere, es spricht mich direkt an, ist ein Bekenntnis, bittet um Verständnis, ist neugierig auf all die möglichen Lesearten, lädt mich ein zu einer Reise. Oder fordert mich heraus.

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Nach der Lesung, die ich im Netz gesehen habe, noch einmal Benjamin Maack gelesen, und mich wiedergefunden: das schlechte Gewissen, dass wir nicht die Eltern sein können, die unsere Kinder verdient hätten. Diese endlose Scham, sie in das eigene Versagen mit hinein zu ziehen. Nicht zu genügen, wieder einmal versagt zu haben. Und davor die quälend lange Zeit, in der wir nur funktioniert haben, weil wir uns dieses Versagen nicht eingestehen konnten, weil es auf keinen Fall sein durfte, dass wir unsere Kinder dermaßen enttäuschten. Reiß dich zusammen sagten wir uns, bis wir endgültig nichts mehr fühlen konnten. Und nicht einmal mehr funktionieren.

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Wie man sich verschreibt. Der Bescheidenheit verschreibt. Oder dem Funktionieren. Sehr viel seltener dem Schreiben. Und wenn, dann schreibt man über die Bescheidenheit und das Funktionieren. Weil das irgendwie man selbst ist. Außer man hätte den Mut, schreibend nach dem zu suchen, was fehlt. Alles in Frage zu stellen. Keine Antworten zu finden, oder sich mit keiner Antwort zufrieden zu geben. Und weiterzumachen. Gerade jetzt. Gerade deshalb. Weil es die Fragen sind, die Lücken und die Unsicherheiten, die Luft zum Atmen schaffen, die so etwas wie Freiheit und Leichtigkeit entstehen lassen, das Gefühl, es gäbe eine Wahl. Wir wären nicht nur verantwortlich, sondern auch frei.

Normal

Frau Soso schrieb kürzlich diese nachdenkenswerten Sätze. Ich habe dem auch gar nicht viel hinzuzufügen. Nur eine Sache vielleicht: gerade beklemmt es mich manchmal, dass man entweder einverstanden ist mit den vorgeschriebenen Maßnahmen, dass man eben zu vertrauen hat, auf die Heilkraft der Impfungen usw., oder dass man ein unverbesserlicher Ignorant und gefährlicher Abweichler oder Egoist oder wie auch immer ist, sobald man Kritik äußert. Ich wünschte mir, es wäre normal, oder würde endlich normal, dass beides Hand in Hand geht, dass wir uns einlassen auf notwendige Einschränkungen, die ja naturgemäß niemals perfekt sein können, und andererseits nicht aufhören, kritisch auf diese Maßnahmen zu schauen und darüber zu reden. Weil ebenso naturgemäß viele Dinge unter den Tisch fallen, nicht bedacht werden. Wir brauchen beides, Vertrauen und Kritik. Und vor allem Respekt. Damit wir einander zuhören und zusammen Schritt für Schritt bessere Lösungen finden.

/Davon abgesehen, muss ich jetzt einfach auch einmal erwähnen, dass ich ganz glücklich und auf sehr schöne Weise überrascht bin, wie viel Solidarität es im kreativen Bereich gibt, allerorten entstehen schöne gemeinsame Projekte, die wunderbare Kathrin Schadt hat mit ihrem schönen Poedu Projekt vielleicht den Anfang gemacht, oder mir die Augen geöffnet dafür, dass es Menschen gibt, die dem Stöhnen und Leiden etwas Kraftvolles und Mut machendes und auch noch Schönes entgegen setzen. Dann fallen mir Timo Brand und Petrus Akkordeon ein, die alle dazu eingeladen haben ein Amalia Pfannkuchen Gedicht zu schreiben, hier in Bielefeld hat Imke Bruzema die Raumstation eröffnet, auch ein ermutigendes Gemeinschaftsprojekt, und das sind nur ein paar wenige Beispiele, die mir jetzt spontan einfallen und mir Mut machen und helfen diese merkwürdige Zeit zu überstehen. Nicht zu vergessen die tollen Bücher, die schon erschienen sind, z.B. Frauen|Lyrik, eine überwältigend klug konzipierte Anthologie, die mit einem ebenso unterhaltsamen wie erkenntnisbringenden Gespräch vom Literaturhaus Berlin vorgestellt wurde, oder der erste Teil der Kopenhagen Triologie von Tove Dilevsen, und natürlich Kinder kriegen, das demnächst beim Nautilus Verlag erscheinen wird. Ich will damit nur sagen, es gibt Lichtblicke. Und gar nicht so wenig. Man muss nicht einmal besonders aufmerksam suchen, nur die Augen aufhalten und offen bleiben für das Gute im Leben.

Dag Solstad

Ein Buch, das mich über die Maßen erstaunt hat, weil es wirklich noch ein Mal eine ganz andere Art zu schreiben offenbarte, war 16.07.1941 von Dag Solstad. Einem norwegischen Autor, den ich bis zu dieser dank Ina Kronenbergers Übersetzungsleistung, nicht kannte. Eine echte Entdeckung. Eigentlich hatte ich das Buch für Fixpoetry besprechen wollen, nun ist es in unserem OWL Kulturportal entschieden.

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Gegen Zweifel und Ich-Verlust hilft nur Schreiben. Schreiben, um weitermachen zu können, um zu verschwinden im Schreiben, um dann zurückkehren zu können, zum veränderten Schreiben, dem Schreiben, das der Schrift Fragen stellt. Dem Aufgezeichneten verschrieben sein, und ihm aus exakt diesem Grund misstrauen.

Das habe ich einmal (damals als ich noch schreiben konnte) anlässlich meines Besprechungsversuchs von Hélène Cixous „Meine Homere ist tot…“ geschrieben. Jetzt klingt es wie etwas, das mich wieder auf den Weg bringen könnte. Eher als das Schweigen. Das nicht Schreiben. Ein Vorschlag, den ich nicht einmal wirklich in Betracht ziehen kann. Es ist, als würde man mir vorgeschlagen doch einfach mit dem Atmen aufzuhören, wenn es Schwierigkeiten macht.

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Ich denke an die Konzerte, die ich besucht habe, um darüber zu schreiben. In einer Kirche, in der Oetkerhalle, in Kneipen. An die Farben auf der Bühne und im Publikum. An das Licht. Die Geräuschkulisse aus Gesprächen, die auf einmal zu einer erwartungsvollen Stille wird. Und dass ich mir nie vorstellen konnte, wie sehr mir das einmal fehlen würde.