Sprachlosigkeit oder Fehler?

Im Grunde kann ich mir das alles gar nicht bis ins Letzte bewusst machen, was gerade passiert, nein, was schon ganz lange passiert, worüber nur gerade viel geredet wird. Sexismus, Diskriminierung, Antisemitismus. Und wie beschämend wenig dagegen getan wird. Und dann kann man noch nicht einmal darauf hoffen, von der Polizei beschützt zu werden, umso weniger je „verkehrter“ die Hautfarbe oder der Name ist. Weil die (auch nicht erst seit gestern) unterwandert ist, und man nicht wissen kann, wer da zu denen gehört, die wirklich noch Demokratie und Vielfalt und Recht vertreten, und wie lange sie sich noch halten können. Sprechen kann man aber auch nicht darüber, weil sich dann ständig jemand, den man vielleicht mitmeinte, vielleicht aber auch tatsächlich übersehen hat, ausgeschlossen, verletzt und diskriminiert fühlt, und man unversehens selbst auf der Seite der Angeklagten steht. Vielleicht liegt es daran, dass wir noch keine angemessene Sprache gefunden haben, wie ein Artikel in der SZ von heute nahelegt, vielleicht ist aber auch dieses ungesund hohe Erregungsniveau verantwortlich, das fruchtbare Auseinandersetzungen immer unmöglicher macht.

Ich mag in diesem Zusammenhang sehr, was Sharon Dodua Otoo bereits in ihrer Rede zu den diesjährigen Bachmanntagen gesagt hat, und was sie in der Süddeutschen Zeitung noch einmal betont:

„Mein Wunsch wäre“, wird sie dort zitiert, „dass wir achtsam mit Sprache umgehen, wohlwollend auf Fehler hinweisen, und dass die anderen wohlwollend sagen: Oh, Verzeihung. Das wusste ich nicht. Das ist ein kollektiver Prozess, der dauern und voller Widersprüche sein wird, aber wie sollen wir es anders machen?“

7 Gedanken zu “Sprachlosigkeit oder Fehler?

  1. oh ja, ein gutes zitat. genau so. das alles ist ein prozess/ ein balanceakt und wird vielleicht immer einer bleiben.
    (dabei sind nun straßennamen (die ja zt geändert werden sollen oder schon wurden) das geringste problem, wie ich finde.)
    danke hierfür!

  2. Weißt du, was ich glaube aus meiner persönlichen Erfahrung heraus? Dsss es deshalb nur so schleichend geht, weil man – egal ob nun jemand behindert, Migrant:in, Schwarz, Person of Colour, irgendwie queer, trans, inter, nicht-binär, jüdisch, muslimisch, sonstig nicht christlich religiös, Sinti oder Rom:nija, finanziell schwach oder manchmal auch einfach nur Frau ist – zwar noch so wohlwollend auf Fehler hinweisen kann (auf Twitter tun das zum Beispiel viele betroffene Menschen auf Rassismus in der Sprache, in meinen Kreisen immer wieder behinderte Menschen auf Ableismus, bei der Kontroverse um eine gewisse Frau Rowling haben viele trans Menschen einfühlsam versucht das Problem mit deren Äußerungen zu erklären…) das – es tut mir leid, wenn ich das der Einfachheit halber nun verallgemeinere – privilegierte Gegenüber aber oft qua Reflexgleich schreit und geifert „Zensur!“, „Die Minderheiten sind übergriffig!“, „Ich hab ja nix gegen [Minderheit XY], aber…“, „Ich respektiere ja die Erfahrung von Person XY, aber…“, „Ist doch nicht böse gemeint“, und damit eigentlich den kompletten Dialog zerstört noch bevor er wirklich beginnen konnte. Wenn das priviligierte Gegenüber (und ich zum Beispiel als Angehörige mindestens zweier Minderheiten kann auch priviligiert gegenüber einer anderen Minderheit sein, man muss nicht zur Mehrheitsgesellschaft gehören um priviligiert zu sein) der Minderheit sofort den Raum nimmt, dann wird das nichts, weil es dann zwangsläufig dazu kommt, dass die Minderheiten aufgrund der Masse an schlechten Erfahrungen irgendwann schweigen, weil die Kraft fehlt zum hundertsten Mal…, aber die Diskrimierung trotzdem fühlen. Dieses die Diskriminierung dennoch fühlen nachdem eimem:r nach tausend ruhigen, wohlwollenden Erklärungen nicht zugehört wurde und die gemachten Erfahrungen immer wieder abgewertet wurden, kann von außen gesehen zu diesem Effekt führen „Jetzt ist Minderheit X. oder Person Y. stellvertretend für Minderheit X. [von außen werden Minderheiten oft als homogener wahrgenommen als sie sind] verletzt, nix darf man mehr, immer rennt eine:r raus und heult.“ Obwohl die Minderheir oder Person einfach nur müde ist und die Nase voll davon hat grundlegende Dinge zum millionsten Mal durchkauen zu müssen, was das priviligierte Gegenüber gerne (oder auch unbewusst) ausblendet. Das ist ein Kreis, der lässt sich aber wahrscheinlich nur durchbrechen wenn man bereit ist zuzuhören (und wenn das ein Großteil der Gesellschaft tut) und vielleicht auch nach dem zu handeln was die Minderheit aufgrund ihrer Erfahrungen vorschlägt.

    Ich hoffe das ist nicht komplett wirr und du verstehst zumindest ungefähr was ich sagen möchte.

    1. nein, ich finde das nicht im mindesten wirr. Ich glaube es geht genau darum: diesen Kreis aus dem Gefühl angegriffen zu werden, während man selbst in Wahrheit übergriffig ist, zu durchbrechen, und – wie du schreibst – zuzuhören! Aber bei allem, was da noch sehr im Argen liegt, immerhin sprechen diejenigen, die diskriminiert werden, und immerhin bekommen sie Raum, und finden manchmal sogar Gehör. Das ist doch immerhin ein Anfang.

      1. Ich glaube, man spricht weil man muss. Das kann, je nachdem zu welcher Minderheit man gehört, etwas von „ums Überleben“ oder „sein Existenzrecht“ einfordern.haben.
        Ich finde, man konnte das gut im Kontext von BlackLivesMatter beobachten. Immer wieder haben Schwarze, egal ob prominent wie z.B. Aminata Touré oder nicht-prominent gesagt, dass sie eigentlich nicht ständig über Rassismus und Erfahrungen damit reden wollen, weil sie auch noch etwas anderes zu tun haben, mehr als ihre Erfahrungen sind oder aber auch, weil es sie (re)traumatisieren kann (Aminata Touré hatte sich zum Beispiel sehr deutlich dazu geäußert was es mit ihr und anderen Schwarzen macht, wenn das Video von der Ermordung von George Floyd geteilt wurde, das kann von Weißen ja gut gemeint gewesen sein, wenn sie das geteilt haben, aber dadurch, dass es das (re)traumatisierende Element für Schwarze außer acht gelassen hat war es eben nicht gut gemacht). Trotzdem müssen diese Menschen immer wieder darüber reden, werden darüber definiert, werden selten bis nie zu irgendwelchen anderen Themen befragt etc. und wenn sie sagen, dass sie nicht gefragt werden möchten, dann wird ihnen gleich wieder verbal entgegengespuckt.

        Und diese Erfahrungen machen viele, wenn nicht alle Minderheiten. Dieses Darüberreden müssen, um überhaupt ein paar Quadratmeter (bildlich gesprochen) Raum zu bekommen. (In gewisser Weise ist das auch wieder etwas wo sich die sprichwörtliche Katze in den sprichwörtlichen Schwanz beißt.)

        Manchmal bewegt sich dadurch aber etwas Kleines. Lehrplan 7. Klasse hierzubundeslande (also für das Kind das Schuljahr, das im August beginnt): Sensitivity Reading, also literarische Texte auf das Erkennen von (Mikro-)Diskriminierungen hin lesen lernen (im Idealfall passiert das während des Lektorats vor vor der Veröffentlichung), weil auch Literatur Sprache, Wahrnehmungen und Weltbilder formen kann. Die Person, die für die Klasse vom Kind einen Vortrag darüber halten wird ist eine Person of Colour mit Migrationshintergrund, die darüber sprechen wird wie schädlich Texte, und seien es fiktionale, sein können, die von Weißen ohne direkten Migrationshintergrund aus der Perspektive Nichtweißer mit direktem Migrationshintergrund geschrieben wurden. Vor einigen Jahren hätte vermutlich niemand gedacht, dass das in Deutschland Schulstoff wird und sich eine betroffene Person auf Einladung von Klassenlehrer:innen vor Schulklassen stellen kann und so etwas sagen wie „Ist vielleicht ein schöner Text oder gut geschrieben, aber diese Darstellung ist falsch und wenn diese falsche Darstellung euer Bild prägt, dann bekommen echte Personen wie ich dadurch Probleme, weil ihr es vielleicht gut meint, aber nicht gut macht.“

    1. ja, gut möglich, dass wir das nicht mehr erleben, wie endlich all die Sprachregelungen, die Auseinandersetzungen, Verletzungen und Verteidigungen, nicht länger nötig sein werden, weil die Utopie einer völlig gleichberechtigten Gesellschaft sich erfüllt hat, aber immerhin sind wir auf dem Weg, und Stolpern und Hinfallen gehört dazu. Ich finde man darf auch optimistisch sein, weil so viele Menschen immer wieder aufstehen, für ihre Rechte, allen erlittenen Niederlagen zum Trotz!

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