Krieg und Sprache

Krieg ist ein organisierter und unter Einsatz erheblicher Mittel mit Waffen und Gewalt ausgetragener Konflikt, an dem planmäßig vorgehende Kollektive beteiligt sind. 

So Wikipedia

Ich habe das nachgesehen, weil für mein Gefühl viel zu häufig, und vor allem viel zu unüberlegt und leichtfertig, das Wort „Krieg“ bemüht wird. Wir führen Krieg gegen das Virus. In uns tobt ein Krieg. Die Verhandlungspartner strecken die Waffen usw. usf. Es gibt unzählige Beispiele. Und das in einem Land, das viele (zu wenige, aber doch viele) Menschen beherbergt, die den Krieg, den tatsächlichen, nicht metaphorischen Krieg, am eigenen Leib erlebt haben. Bomben, die Häuser zerstören, Familienmitglieder, die unter den Trümmern begraben werden, Hunger, Flucht, Gewalt. In Ausmaßen, die – zumindest ich – mir nicht vorstellen kann. Für mich ist es eine Frage des Respektes, das Vokabular abzurüsten. Eine Entscheidung, die zwangsläufig dazu führt, dass ich mir über meine Privilegien klar werde, in einem Land zu leben, das so lange nun schon keinen Krieg mehr erlebt hat. Nicht Tag für Tag gegen Rassismus kämpfen zu müssen, oder dafür, dass ich eine bestimmte Religion ausübe. Sondern frei zu sein, mir derartige Gedanken zu machen. Und dann möglichst friedliche und hoffentlich dennoch wirksame Konsequenzen daraus zu ziehen. Wut und Widerstand gehen nämlich auch auf friedliche Art und Weise. Es gibt Beispiele. Auf die sollten wir uns vielleicht häufiger besinnen.

15 Gedanken zu “Krieg und Sprache

  1. Gerade gestern hatte ich auch ähnliche Gedanken. Ich schrieb einer Freundin eine Notiz, dass die Migräne mich den ganzen Tag außer Gefecht gesetzt habe. – Stutzte selbst. Wie nah ist Migräne und manches Krankheitsgeschehen tatsächlich einem Kampf, einer Auseinandersetzung auf Leben und Tod. Und dennoch. – Ich ersetzte diese mir so geläufige Wendung im Brief.
    Es steckt so in der Sprache, nicht durch den letzten und erinnerbaren furchtbaren Krieg, sondern vermutlich bereits als Frucht vieler Kriege in der Menschheitsgeschichte. Gar nicht so leicht, all diesen Wendungen auf die Spur zu kommen.
    Bestimmt hat ein Sprachnachdenklicher im weiten Netz schon einmal begonnen, den Krieg in der Sprache zu orten.
    Danke für dein Aufmerksammachen!

    1. ja, es ist so selbstverständlich, das ist das Problem. Wir bemerken es häufig gar nicht. Und Migräne ist tatsächlich sehr schlimm, leider kann ich das gut nachempfinden. Und du hast Recht, es wäre interessant danach zu suchen, ob es da Untersuchungen, Aufsätze etc., gibt, in denen jemand das bereits erforscht hat.

  2. Meine Definition von Krieg ging meistens weiter als die Wiki-Definition hinaus, die für mich nur eine von einer Reihe möglichen Definitionen ist. Ich nutzte den Begriff bisher eher als Gegenpol von Frieden, weshalb er eher eine metaphorische Bedeutung für mich hatte. (Ist das schon unabsichtlicher Zynismus, oder noch die (naive) Haltung einer Kriegsverschonten?).

    Dennoch gebe ich dir recht, denn ein inflationärer Einsatz dieses Begriffs nützt überhaupt niemandem. Ich werde mein Reden und Schreiben diesbezüglich überdenken und noch besser reflektieren. Ich danke dir herzlich für deine Stellungsnahme.

    1. ja, das verstehe ich schon. Es liegt ja auch nahe, es einfach als Gegenpol zum Frieden zu sehen. Und das ist überhaupt keine Bösartigkeit, vermutlich nicht einmal Naivität, sondern einfach eine Selbstverständlichkeit, die wir ganz lange nicht hinterfragt haben. Vielleicht liegt es auch allein daran, dass ich mich in letzter Zeit recht viel mit Sprache, Formulierungen und den Auswirkungen davon auf menschliches und gesellschaftliches Miteinander beschäftigt habe.

  3. Dass dieses „Krieg“ mit all seiner ähnlichen Rhetorik in der Alltagssprache schwierig ist, da bin ich bei dir. Besonders in Bezug auf das Virus und die Pandemie. Ich gehe soweit zu sagen, diese Rhetorik führt mit dahin, dass Leute die Situation nicht (mehr) ernstnehmen. Beispiel: Manche Masken verweigernde Personen in bestimmten Altersgruppen in ihrer Argumentation dagegen. „Ach, ich hab’n Krieg erlebt, das kann mir nix!“, „Ich komm aus der DDR, ich kenne Repression.“ Das Virus und seine Gefahr sind nichts politisches, Politik ist immer menschgemacht. Solchen Leuten und ihren Ansichten geben zum Beispiel die Medien mit ihrer „Krieg gegen das Virus“- Rhetorik noch Zucker.

    Wo ich nicht unbedingt bei dir bin, ist, dass Widerstand und Wut auch friedlich gehen, was aber auch daran liegen wird, dass ich nicht zu der privilegierten Mehrheit gehöre (täte ich das, dann wäre ich vielleicht noch mehr bei dir). Es kommt auf den Kontext an, aber ich vermute, du meinst es auch nicht universell. Letzten Donnerstag ist ein für viele Menschen wie mich sehr einschneidendes Gesetz beschlossen worden. Wenn wir da immer nett gesagt hätten „Ach nein, bitte, das mögen wir aber nicht!“ oder jetzt nicht wütend wären, dann träfe es uns viel, viel schlimmer, dieses IPreG und die ersten Leute wären jetzt schon tot. Richtig ist, dass wir nicht gewalttätig wurden und das auch nicht vorhaben, und wenn das dein „friedlich“ ist, dann sind wir beide da wieder zusammen.

    Hier lässt sich auch wieder ein Bogen zu Krieg in der Rhetorik schlagen: Es hat, soweit ich informiert bin, (noch) niemand gesagt, dass, wenn Herr Spahn Krieg möchte, er den haben soll, aber allein die Wörter „kämpfen“ und „ums Überleben“ können schon martialistisch verstanden werden. Er hat der Behindertenbewegung schon vorgeworfen, wir seien „auf Krawall gebürstet“. Teile und Herrsche. Es würde mich nicht verwundern, dass wenn AbilityWatch, ALS Mobil und ihre Verbündeten die angekündigte Verfassungsbeschwerde einreichen, Herr Spahn davon spricht, die überengagierten Behinderten hätten ihm den Krieg erklärt. Ich bezweifele arg, dass der seine Sprache reflektiert, im Gegenteil, ich unterstelle (es muss also nicht wirklich so sein) ihm Kalkül.

    1. Gewaltlos hätte ich schreiben sollen statt friedlich, da hast du recht. Danke für das Drauf aufmerksam machen, denn ich hatte tatsächlich ein merkwürdiges Gefühl, das dieses Verb nicht ganz passt. Und dein letzer Absatz klärt für mich ganz vieles. Herzlichen Dank dafür. Ich glaube, nachdem ich das gelesen habe, tatsächlich, dass es eine (unbewusste oder bewusste?) Strategie ist, jemanden, der eine andere Meinung, andere Bedürfnisse und Prioritäten hat, als Gegner abzustempeln, als jemand, der bekämpft werden muss, damit das eigene Weltbild, Vorgehen, der eigene Plan nicht gefährdet werden, damit die eigene Macht erhalten bleibt. Andererseits, würde man den „Kontrahenten“ nicht in dieses Schema pressen, wäre es ja notwendig zuzuhören, hinzusehen, nachzudenken. Das scheint viel aufwendiger zu sein. In Wirklichkeit wäre bzw ist es nur die Bündelung der Energien in eine viel heilsamere Richtung.

      1. Sprache ist mächtig. Um im Beispiel mal bei dem Herrn und seiner Beziehung zur Behindertenbewegung zu bleiben: Je mehr er einfließen lässt, und sei es in Nebensätzen mit ganz unscheinbaren Schlüsselwörtern, je besser erreicht er die Mehrheitsgesellschaft und wenn er die gut erreicht, dann ist sein Weg frei. Es sind jetzt schon vergleichsweise wenige mit uns praktisch solidarisch, viele Leute, die nicht selbst betroffen sind interessiert es einfach nicht. So wie er aber seine Sprache wählt und die Worte, die er in Kontext zu zum Beispiel den Protesten setzt, setzt sich bei nichtbetroffenen Menschen leicht fest Die sind unverschämt, Die haben kein lebenswertes Leben, Die nehmen uns die Ressourcen weg, auch wenn die Leute gar nicht bewusst darüber nachdenken und ihm zum Beispiel nur mit dem sogenannten halben Ohr zuhören. Das bleibt auch bei denen hängen, die ihn aus verschiedenen Gründen nicht gut finden. Und weil das hängen bleibt hat er es irgendwann ganz leicht Akzeptanz dafür zu finden, wenn es als Beispiel darum geht, alle behinderten Menschen in Heime zu stecken, behinderten Menschen bestimmte medizinische Leistungen zu versagen, Sterilisationszwang oder auf was auch immer der kommt und da waren wir in diesem Land schon mal. Kaum jemand hat gegen die „grauen Busse“ etwas gesagt, weil es für die Leute normal war, durch die Sprache, auch vor 1933, dachten viele gar nicht darüber nach, was da passierte. Spahn ist ein gutes Beispiel für so etwas. Nicht nur bei den behinderten Menschen, die wir ja angeblich auf Krawall gebürstet sind, weil wir bitte gerne atmen möchten, auch bei seiner eigenen Minderheit. Das Blutspendeverbot für homo- und bisexuelle Männer gibt es immer noch, und dass gerade er das nicht aufhebt ist auch eine bestimmte Form von Sprache, das suggeriert immer noch Die sind gefährlich, das sind alles potentielle Virenschleudern, die uns töten können. Das kann man auch – je nach Blickwinkel – martialistisch sehen.

        Noch was zur Sprache Nichtbehinderter zu Aktionen Behinderter: Das ist oft mit sogenannten Framing in die bösen Demokratiefeinde verbunden, gerade aus konservativen Kreisen her. Zum Beispiel: „Terroristen“ wenn gegen Zwangseinweisungen protestiert wurde, also quasi ein paar Elektrollstuhlnutzende, ein paar Leute mit Gehhilfen und Blindenstöcken als die nächste RAF.

  4. vielen Dank, dass du das hier noch einmal ausführst. Es ist, glaube ich, ganz wichtig, dass sich die „Minderheiten“, die gerne von Politik und Gesellschaft übergangen werden, immer wieder bemerkbar machen, uns priviligierten Menschen von ihren Problemen erzählen und uns, wenn wir es freiwillig nicht tun, dazu zwingen, zuzuhören. Das ist sicher sehr anstrengend, aber ich weiß keinen anderen Weg. Also misch dich bitte weiter ein, und sprich darüber. Danke!

    1. Ich spreche kaum noch irgendwo, auch wenn man nicht schweigen darf, denn wir müssen, sinnbildlich gesprochen, das ganze Land zusammenschreien. Ich war so lange ich die Fädenrisse hatte laut und habe dafür am Ende aus einer Ecke der Bloggerwelt, in der ich mich als inkludiert gesehen habe Suizidaufforderungen, KZ-Witze, Umpolungsfantasien und Sprüche, die von einem äußerst fragwürdigen Koch, der zu viel Aufmerksamkeit bekommt sein könnten bekommen (damals war der Koch noch nicht für seine fragwürdigen Ansichten bekannt, also können die Leute es sich nicht bei ihm abgeschaut haben). Nachdem ich drei Monate gekämpft hatte das Ding trotzallem weiterzuführen habe ich einen laufenden Themenkomplex abgeschlossen und bin ich gegangen, weil es nicht mehr ging. Vorher hinschmeißen konnte ich es aber auch nicht, weil ich wie viele (nicht alle) behinderte Menschen ernstgenommen habe, was ich da gemacht habe und einen Job schmeißt du ja auch nicht hin, sondern machst deine Arbeit erst fertig, bevor du gehst. Das Geschichtenblog wollte ich eigentlich halten, aber nach einem Vorfall ein paar Tage später (eine Woche nach dem Abschluss der Fädenrisse) ging das für mich auch nicht mehr, weil einzelne Personen auch wenn sie jahrelang bei einer gelesen haben und eine eigentlich kennen sollten (und diese Person kannte mich) nicht wissen was „Nein“, „Ich kann nicht mehr“ und „Abschluss“ bedeuten.

      Manchmal vermisse ich es, aber es ist nicht zu ändern.

      Wenn du möchtest, kann ich dir per Mail einen Link dahin schicken, wo ich coronabedingt ein bisschen spreche.

  5. Während der ersten „Corona-Wochen“ wurde genau dies im Netz thematisiert. Ich habe mich darüber gefreut. Du aber gehst noch einen Schritt weiter und ich lande wieder einmal bei dem Begriff „Kampf“ und seinen Verben „kämpfen – bekämpfen“, die für mich schon eine kriegerische Haltung ausdrücken. Kriege und Kämpfe kennen aber – aus meiner Sicht – keine Gewinner, nur Verluste und viele VerliererInnen. So kam es zu meiner Haltungsänderung, dass ich Begebenheiten annehme, mit ihnen umgehe, um sie zu wandeln – Weichheit gegen Härte.
    Dennoch fände ich es sehr spannend die Sprache noch genauer auf die subtileren Begriffe zu untersuchen.
    Sprache zeigt nicht nur Haltungen, sondern bildet auch diese.
    Danke für dein Input.
    Herzliche Grüße
    Ulli

    1. Ja, ich kann mich an die Diskussionen vage erinnern. Es ist je älter ich werde, (oder je unübersichtlicher und größer und lauter und voller die sozialen Medien werden?) umso schwieriger für mich diesen Diskussionen zu folgen, zu schnell überfordert mich das alles, und ganz häufig denke ich, dass ja längst alles gesagt ist, und ich also wirklich nicht auch noch mein Scherflein dazu beitragen muss. Dabei übersehe ich natürlich, dass eine wirkliche Haltung sich genau so entwickelt, dass man Dinge wiederholt, und vielleicht nur klitzekleine Dinge anders sieht, oder sogar hinzufügt. Danke, dass du mich darin bestätigst. Und vielen Dank auch für diese wichtige und kluge Ergänzung, dass Kämpfe nur zu Verlusten und Verliererinnen führen. Und dass Sprache überhaupt Haltungen bildet, genau das ist ja ein ungeheuer wichtiger Punkt, weshalb wir alle viel sensibler mit Sprache umgehen sollten. Also besten Dank für deine wertvollen Ergänzungen.

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