Begriffe und Haltung

„Wenn wir Angst vor Wörtern haben, wie sollen wir den Mut finden zu eigenen Gedanken?“, schließt Angelika Overath heute in der FAZ ihre Überlegungen dazu, was Sprache, was bestimmte Begriffe mit Diskriminierung zu tun haben. Ein sehr komplexes Thema, zu dem ich schon lange etwas schreiben will, und das tun sollte, gerade weil ich überhaupt nicht weiß, was richtig und was falsch ist. Und weil ich glaube, dass das eine angemessene Haltung ist; Fehler zu machen, Unsicherheit zu spüren, und trotzdem zu sprechen, falsch zu liegen und sich zu entschuldigen, seine Meinung zu bilden und zu überdenken. Eine Haltung zu suchen, die aufmerksam bleibt, mitfühlend und mutig. Sich angreifbar machen, ohne sich gleich angegriffen zu fühlen.

Erinnerungen, Transformationen

Wir sind das Porzellan

das halb fahrlässig zerbricht

In der Küche teilen sich die

Frauen den Abwasch

Während die Männer im

Wohnzimmer rauchen und Schnaps trinken

Kindheitserinnerungen. Unvollständig. Und eher aus Vorurteilen als wirklichen Bildern bestehend. Vielleicht auch aus Wut. Die jetzt langsam kommt. Fast ein halbes Jahrhundert später. Weil Wut besser ist als Verbitterung. Weil Wut manchmal notwendig ist, um Dinge zu verändern, um die Kraft zu finden, sie anders zu betrachten, zu begreifen, dass das, was ist und was war, nicht auf immer so bleiben muss.

kleinwüchsige Apfelbäume

„Der Zweck der Erzählung besteht nicht darin, das Problem zu lösen. Ihr Zweck ist es, das Problem abzubilden, es zu erkennen, es vollständig zu bewohnen, und eine Verbindung herzustellen zwischen dir und allen anderen, die jemals darunter gelitten haben.“ (Jonathan Franzen).

Die Einsamkeit eines kleinwüchsigen Apfelbaums auf einer Wiese mit Streuobst . Alles ist genauso halb richtig wie halb falsch. Von draußen weht der Duft nach frisch gebackenem Brot in die Küche und vermischt sich dort mit dem Geruch der kochenden Hafermilch. Ich werde älter, so lange schon. Und immer noch, ohne zu wissen, wie es geht.

26. Juni

Als die Sonne aufgeht, bin ich schon wach. Wieder einzuschlafen gelingt mir nicht.

In den Nachrichten fast ausschließlich Meldungen, die die Wohlstandsbürger angehen. Das einige Menschen jetzt nach dem Tönnies Skandal Schwierigkeiten haben, in den Urlaub zu fahren, ist mehrere Sendeminunten wert, über all die erkrankten Arbeiter in Quarantäne, oder gar über anstehende politische Konsequenzen kein Wort. Dass die ohnehin gerade für Frauen und Mütter knappen Renten eingefroren werden, wird in einem Nebensatz erwähnt.

Grenzen – mal wieder

Ein Selbstbewusstsein für die eigene Begrenztheit. Aber innerhalb dieses Selbstbewusstseins, unterschiedliche Möglichkeiten zu entscheiden. Und ganz viele Fragen:

Was hat das eigentlich zu bedeuten, dass ich kaum noch raus will, mit dem, was ich schreibe? Dass ich diesen Drang, es zu zeigen nicht mehr habe? Ist das verletzte Eitelkeit? Wenn ich etwas zeige, ist die Aufmerksamkeit bestenfalls mittelmäßig. Oder habe ich einfach das Gefühl, nichts zu sagen zu haben, was andere nicht viel besser sagen können? Oder fehlt mir der Mut, mich auf eine Sache wirklich zu konzentrieren, und alles andere auszublenden? Die Hingabe zum Schreiben? Die Freundlichkeit gegenüber mir selbst, die mir ermöglichen würde, das, was ich schreibe, einfach so sein zu lassen, wie es ist, ohne permanent zu vergleichen?

Schreiben

Loslassen. Unsicherheiten aushalten. Unverständnis eingestehen – transparent, statt allwissend spezialisiert schreiben, und trotzdem das Beste geben. Dann aber eben dazu stehen, das es hier endet. Das Beste, die Erkenntnis, die Expertise.

Netze aus Sanftmut und Wut

Denke über Sanftmut nach. Über Wut. Über Überforderung und den Mut, den eine braucht, um Fehler zu machen, um nicht aus Angst vor Fehlern einfach gar nichts zu machen. Und zu sagen.

Andererseits glaube ich, dass Wut überbewertet wird. Sie ist sicher nicht das Allheilmittel. Es ist okay, wütend zu sein, aber traurig oder nachdenklich, sogar niedergeschlagen zu sein, ist ebenso okay. Und jede von uns richtet etwas anderes auf, treibt etwas anderes an, zu handeln.

Jeder Faden ist anders, jeder Faden ist wichtig, um das Netz weit, stabil und reißfest zu machen. Es gibt keine letztgültigen Antworten. Nur immer wieder neue Versuche, aufzustehen und weiter am Netz zu weben, das den Fall abfedert.