Was man weiß oder im Titel finden bin ich miserabel

In meinem letzten Eintrag hatte ich mir Fragen gestellt zu Kinderwunsch und Elternschaft, wie das alles persönlich erfahren wird, und was es eventuell über uns als Gesellschaft aussagt. Ein Vater hat geantwortet, sonst war es eher still, um nicht zu sagen stumm. Darum beantworte ich jetzt die Fragen aus meiner eigenen kleinen Perspektive. Und hoffe weiter, dass vielleicht doch noch die eine oder der andere seine Geschichte erzählen mag.

Ich habe tatsächlich sehr wenig über das Leben mit Kindern gewusst, bevor ich selbst Mutter wurde. Da war keine ältere Schwester und die Cousinen hatten ihre Kinder bekommen, als ich in ganz anderen Welten unterwegs war. Freundinnen, die Kinder hatten gab es auch nicht, oder aber sie verschwanden aus dem Freundeskreis, sobald das Kind da war.

Zum Kinderwunsch gibt es zwei Erinnerungen. Eine davon kommt mir selbst unglaubwürdig romantisch vor, aber ich erinnere es genau so. Ich war vielleicht 19 oder 20, als ich irgendwo im Gedränge der Einkaufsstraße eine Frau sah, die einen unglaublichen Gesichtsausdruck hatte, vollkommen in sich ruhend, glücklich, zuversichtlich, aber all diese Adjektive treffen es nicht wirklich, vielleicht müsste ich so ein Wort wie „erleuchtet“ bemühen. Jedenfalls machte sie auch ohne das passende Adjektiv einen sehr großen Eindruck auf mich. Und diese Frau war schwanger. Irgendwie muss ich den dicken Bauch und das erleuchtete Gesicht zusammengebracht haben und von da an hatte ich diese Überzeugung, dass es nichts Schöneres, Erfüllenderes und Erstrebenswerteres gibt, als schwanger zu sein. Auch wenn das noch Zeit hatte.

Die zweite Erinnerung: ich bin mittlerweile Ende 20, Anfang 30. Immer häufiger fragen mich Kinder, ob ich denn selbst auch Kinder hätte, und jedes Mal schäme ich mich, wenn ich nein sagen muss. Warum ich mich schäme? Das frage ich mich bis heute selbst.

Und was die Rechenschaft angeht, natürlich haben wir früher, in den 80er gesagt, geht gar nicht Kinder in diese kaputte Welt zu setzen. Unverantwortlich. Und dann nicht mehr darüber gesprochen, wenn die Kinder da waren. Oder auf einer ganz anderen Ebene darüber geredet. Dabei war die Welt kein bisschen besser geworden, nur wir vermutlich bequemer, oder einfach älter. Das auf jeden Fall. Es gibt ja diese Theorie, dass wir Kinder als Verlängerung unserer selbst in die Zukunft, die wir selbst nicht mehr erleben werden, betrachten. Dieser Gedanke ist mir eigentlich fremd.

Andreas schreibt von der Korrektur der eigenen Kindheit. Da ist etwas dran. Ich kann mich jedenfalls noch gut erinnern, wie häufig ich während meiner Kindheit und noch viel häufiger in der Pubertät gedacht habe; das werde ich niemals tun, ich werde meine Kinder ganz anders behandeln. Und das habe ich auch getan, und natürlich auch wieder nicht.

Die Antwort einer Bekannten ist mir nachhaltig in Erinnerung geblieben, weil ich erstens sicher bin, dass sie jedes Wort genauso gemeint hat, und weil ich zweitens kein Wort davon glaube, was sie gesagt hat. Ich glaube, dass ich meinen Kindern eine wirklich gute Mutter bin, hat sie gesagt, dass sie es kaum besser haben können, dass ich das kann, Kinder glücklich aufwachsen lassen. Und mir wird noch heute schwindelig vor so viel Selbstbewusstsein. Denn das habe ich nie geglaubt, dass ich diesen wunderbaren Wesen, die erst innerhalb und wenig später außerhalb von mir heranwachsen durften, jemals auch nur annähernd gerecht werden konnte und kann. Ich weiß nie, wie es geht. Das mit der Fürsorge, das mit dem Loslassen, das mit der richtigen Balance dazwischen. Es gibt keine schwierigere Aufgabe als Mutter zu sein. Und keine schönere.

10 Gedanken zu “Was man weiß oder im Titel finden bin ich miserabel

  1. für mich ist das elternteil sein das schönste auf der welt gewesen. ich habe vieles falsch gemacht, aber in summe sind menschen herausgekommen, die lebensfähig sind, und das macht mich froh und glücklich, auch wenn diese selbständigen menschen nicht vieles so machen, wie ich es täte 🙂 aber für manchen menschen liegen die prioritäten anders, und das gilt es auch zu respektieren.

  2. Das kommt mir wahnsinnig bekannt vor, so habe ich als junger Mensch auch geredet: Keine Kinder in diese kaputte Welt setzen! Und dann haben wir doch Kinder hineingesetzt in die Welt und wussten noch nicht mal, wieviel mehr an Kaputtheit noch folgen sollte: Klimawandel, Virus-Pandemie, der nächste Dürresommer kündigt sich an, um Tschernobyl herum brennen die radioaktiv verseuchten Wälder, im Mittelmeer ertrinken immer weiter Menschen und keiner hilft mehr, weil jetzt endgültig jeder nur noch an sich denkt, der Regenwald im Amazonas wird munter weiter abgeholzt, undsoweiter, undsoweiter, es ist wirklich zum Heulen. Aber wenn wir keine Kinder mehr in die Welt setzen würden, die es vielleicht hoffentlich besser machen können als vorhergehende Generationen, das wäre doch eigentlich die endgültige Dystopie, denke ich heute.

    1. ja, das ist wahr. Wir ahnten nicht, wie viel Kaputtheit noch folgen sollte. Leider.
      Aber ob es die endgültige Dystopie wäre, wenn wir uns entscheiden keine Kinder zu bekommen, bezweifle ich. Es gäbe ja viele andere Möglichkeiten, in die Zukunft, zumal in eine bessere Zukunft zu investieren, sich dahingehend zu engagieren. Kinder zu bekommen ist meiner Auffassung nach in erster Linie eine egoistische Entscheidung.

  3. Also ich wollte Mutter sein, weil es dazugehört und auch dachte auch, ich habe einen tollen Kindsvater und es macht mir Freude. Kam alles anders. Hatte postnatale Depression und Ehe war ab dem Moment kaputt. Mein Exmann fand, ich sei schlechte Mutter. Meine Kinder sagen heute, sie finden mich cool. War alles schwierig. Jetzt, wo doe Kinder in der Pubertät sind, läuft es lustigerweise besser.

    1. vielen Dank, dass Du Deine Desillusionierung und die Ernüchterung, die Schwierigkeiten nach der Geburt, nach dem erfüllten Kinderwunsch schilderst. Und wie schön, dass sich die Dinge mittlerweile für dich gewandelt haben.

  4. Zum Kinderwunsch habe ich eine Erinnerung: Ich bin sieben oder acht. Meine Eltern sind arbeiten. Es ist ein sonniger Nachmittag, ich sitze im Wohnzimmer und schwöre mir zwei Dinge: Niemals heiraten, niemals Kinder. Die Entscheidung war früh und richtig. Ich komme aus einer kaputten Ehe. Ich wusste, dass ich weder zur guten Ehefrau noch zur guten Mutter tauge. Ich liebe Männer und Kinder. Aber eigene will ich nicht. Es gibt so viele Möglichkeiten für mich, für Kinder da zu sein, Männer zu schätzen und von Herzen zu mögen. Insofern wundert es mich oft, dass Frauen und auch Männer sagen, sie hätten nicht gewusst, was mit den Kindern auf sie zu kommt. Als hätten sie ihre eigene Vergangenheit vergessen. Eine Vergangenheit, die natürlich auch viel schöner als meine gewesen sein kann. Aber was Familie ist, ich meine, das weiß man doch – oder irre ich mich da?

    1. Danke auch Dir für Deine Offenheit. Denn gerade der explizite Wunsch auf Kinder zu verzichten, ist insbesondere für Frauen ja längst noch nicht so einfach zu formulieren, ohne sich zur Angriffsfläche zu machen. Es klingt, als wäre die Entscheidung nicht nur gut und richtig für dich gewesen, sondern als wärst du nach wie vor damit im Einklang, und das ist ja das, was zählt.
      Aber was Familie ist, das weiß man nicht. Nein, das würde ich wirklich nicht unterschreiben. Familie ist ja etwas ähnlich abstraktes wie Liebe, da gibt es so viele Ausformungen, so viele gelingende wie auch fatal scheiternde Möglichkeiten. Wenn man etwas wissen kann, dann doch nur sehr abstrakt, oder eben, wie von dir beschrieben, aus einem subjektiven Winkel, der aber ganz unterschiedliche Schlüsse zulassen kann; den Verzicht auf eine eigene Familie ebenso wie den Wunsch, es ganz anders zu machen. Selbst jetzt, im reifen Alter, weiß ich nicht, was Familie ist, weil Familie ein lebendiger Organismus ist, der sich von Tag zu Tag ändert.

    1. ja, mit Einschränkungen kann ich mich da anschließen, ganz sicher waren die Kinder die größten Geschenke, die mir das Leben gemacht hat, Die Geburten selbst waren auch ein sehr eindrückliches Erlebnis, unter anderem, weil ich zum ersten Mal ganz körperlich erfahren habe, wie schmerzhaft loslassen ist, und wie notwendig.

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