Ausnahmezustand und Aufmerksamkeit

Inzwischen weiß ich nicht mehr, im wie vielten Tag des Ausnahmezustands wir uns eigentlich befinden. Ich leide nicht mehr wirklich darunter, aber ich bin auch weit entfernt, mich daran gewöhnt zu haben. Ein ganz vorzüglicher Beitrag, zu dem, was ich über weite Strecken genauso empfinde, aber nicht so gut in Worte fassen kann, findet sich hier.

Überall herrscht helle Aufregung über Till Lindemanns Vergewaltigungsgedicht. Schade, dass die Texte, die eine Auseinandersetzung wert wären, nie so in den Fokus rücken.

4 Gedanken zu “Ausnahmezustand und Aufmerksamkeit

  1. Deine Textempfehlung (die erste) kannte ich auch schon. Hat mich auch sehr fest angesprochen. Deine Gedanken sind mir nah, ich zähle die Tage seit Grenzschließung. Aus Gründen. Heute war der 20ste.

    Gewöhnung? Hm. (Ich bin gut drin, mit an alle möglichen Merkwürdigkeiten zu gewöhnen, aber als Schutz. Nicht weil ich es will. Lässt sich so etwas wertfrei sagen, denken, schreiben?)

  2. Zu Lindemann: Auch die moralische Gewissenlosigkeit, das miese Kalkül der Umsatzsteigerung, die platteste Provokation, der feuchte Traum eines Vergewaltigers, in die Kunstform gegossen. Darf ein lyrisches Ich alles sagen, und sich der gesellschaftlichen Verantwortung seines Erzeugers entsagen? Ein lyrisches Ich, in diesem Fall, lässt die Dialektik in der Behandlung seines Themas vollkommen vermissen. Es kommt, bruchlos, unkommentiert, unhinterfragt als Traumvorstellung daher und untersteht insofern nicht mehr dem der Lyrik innewohnenden Gesetz, Metaebenen zum Gesagten aufleuchten zu lassen. Noch nicht einmal als Gerichtsprotokoll über die Motive und die Imaginationen eines Vergewaltigers wäre es tauglich. Der Provokateur hat seine Provokation, der Empörte seinen Aufschrei und die Lyrik ein weiteres Beispiel dessen, was sie genuin nicht ist. Da die Kunstform Lyrik sich vor diesem Erguss nicht schützen kann, müssen andere für sie tun. Mit derart Ruf nach Kunstfreiheit hat die Lyrik nichts am Hut.

    1. Nein, ich sehe da auch lediglich Provokation auf billigstem Niveau, geschmacklos, in Kauf nehmend, dass derartige Machwerke nicht nur den Geschmack sondern viel mehr verletzen. Letztendlich ist das Ganze rufschädigend für den Verlag, der solche Machwerke als „Lyrik“ verkauft. Es ist nur schade, dass nicht annähernd so viel Energie in die Auseinandersetzung mit der Lyrik fließt, die diesen Namen verdient.

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