Pausentaste

Das Anstrengenste neben der Angst (die noch gut unterdrückt, aber trotzdem ständig da ist), ist diese Beobachtung und irgendwie auch der Anspruch, dass da jetzt ganz viel Zeitgewinn sein müsste. Zeit, um in sich zu gehen, um kreativ zu werden, endlich die monströs dicken Bücher zu lesen, aufzuräumen und zu renovieren. Ich erlebe das nicht so. Obwohl ich seit gestern offiziell zur ständig wachsenden Herde von Kurzarbeiter*innen gehöre, lese ich nicht mehr und auch für all das andere bleibt mir nicht mehr Zeit. Ich bin vielmehr auf seltsame unerklärliche Weise ständig erschöpft. Erschöpft und ratlos und hin- und hergeworfen und noch unsicherer als ohnehin schon.

Von jedem Artikel, den ich lese, erwarte ich Erkenntnisgewinn. Einfache Hingabe an einen Text, oder gar an den Moment, scheint nicht mehr möglich. Als würde das aus Leistungsansprüchen bestehende Hamsterrad sich umso schneller (und verzweifelter) drehen, je länger die Pausentaste gedrückt bleibt.

11 Gedanken zu “Pausentaste

  1. zwar kann ich die zeit nutzen, fürs putzen, renovieren, lesen, schreiben, seltsamerweise fühle ich mich nicht blockiert oder gelähmt, allenfalls manchmal ratlos, doch (noch) nicht mutlos, auch wenn derzeit ein ständiges grummeln, ein gewisser unterton, einfach immer mitschwingt. so lese ich auch gerade texte unwillkürlich immer vor dem aktuellen hintergrund, was manchen tatsächlich eine weitere dimension hinzufügen kann. die aktuelle situation steht für mich nicht immer im vordergrund, allerdings schwingt sie in allem mit.

  2. Ich finde auch den Anspruch schwierig, dass Corona in unserem Leben etwas Gutes bewirken soll. Das ist wohl die Sehnsucht des Menschen, dem Ganzen einen Sinn zu geben.
    Kann Corona nicht einfach da sein und Punkt. Mein Leben wird dadurch nicht sinnvoller als vorher.

    1. Ich glaube darüber bin ich (wie viele andere) leider hinaus. Dieser Anspruch, dass das Virus die Welt ändert. Es wird die Welt nachhaltig ändern, aber in welche Richtung? Und Sinn scheint mir genau der Punkt zu sein; wir alle sind jetzt dermaßen zurückgeworfen auf uns selbst, dass wir uns unweigerlich in irgendeiner Art der Sinnfrage stellen müssen. Vermutlich ist es das, was Angst macht. Und mich persönlich gerade so erschöpft.

  3. Mir gehts ähnlich wie dir. Ich sortiere noch immer in meinem Fühlen herum, wie eine durcheinandergeratene Werkzeugkiste kommt mir das Leben gerade vor. (Ich maile bald. Was immer das heißt.)

  4. Ich kann dich verstehen, mir geht es nicht viel anders. Ich glaube, am Anfang haben viele geglaubt, wenn man nun eh daheim bleiben muss, dann kann man die Zeit auch nutzen für Dinge, die man sonst aufgeschoben hat oder für die man nicht die Zeit hatte und das wirkte ja auch logisch. Man hat ja die Situation nicht voll begreifen können und dachte noch, man kann erstmal im Kopf „normal“ weitermachen. Aber dann hat man gemerkt, dass es im Kopf doch nicht normal geht, man hat Sorgen, man ist vielleicht erwartungsvoll, man ist vielleicht in einer neuen Situation (Kurzarbeit, Home Office, Homeschooling etc.) und der Kopf und die Psyche halten das vielleicht im Moment nur so aus, dass es an die Konzentration, Ausgeglichenheit und Kraft geht und daher kommt dann diese Erschöpfung. Ich lese von etlichen Leuten, dass sie sich nicht konzentrieren können, immer erschöpft sind, nicht lesen können etc.

    1. Ein ganz wichtiger Punkt, diese Normalität, unter der der Zeitgewinn vielleicht wirklich etwas gewesen wäre, das wir hätten genießen oder nutzen können. Danke für diesen Impuls, und überhaupt für das Verständnis und Teilen.

  5. Wir sind so wahnsinnig daran gewöhnt, dass Leistung an erster Stelle steht, dass wir bei einer Vollbremsung und darauf folgendem Leerlauf gar nicht zur Besinnung kommen – oder uns gleich wieder in Frage stellen oder schlecht fühlen. Warum ist es so schwer, etwas Neues neu sein zu lassen? Und warum versuchen wir stattdessen gleich wieder alles mit Beschäftigung zuzukleistern? Optimierung, Optimierung, Optimierung…

    1. Beschäftigung wäre ja gut, das wäre etwas, was ich mir wünschen würde, mich einfach mit etwas beschäftigen, das mich interessiert, was mir am Herzen liegt, wofür mir der Alltag aber viel zu selten Zeit lässt, aber an diese Stelle tritt der Optimierungswahn, der Zwang, die „gewonnene“ Zeit möglichst produktiv zu nutzen. Genau da liegt eines meiner Probleme. Vielen Dank, dass mir das durch deine Gedanken etwas deutlicher werden konnte.

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