Siri Hustvedt – Eine Frau schaut auf Männer die auf Frauen schauen

Der Satz auf dem Blatt Papier fühlt sich richtig an, weil er ein Gefühl in mir beantwortet, und dieses Gefühl ist eine Form von Erinnern

Dabei meint Hustvedt durchaus auch ein erweitertes vorgeburtliches oder vielleicht sogar „kosmisches“ Gedächtnis. Manche mögen das für esoterisch halten, ich hingegen glaube an die Verbundenheit aller Menschen. Die letztendlich wahrer ist als die Angst, die uns immer wieder dazu bringt, uns voneinander abzugrenzen.

Schreiben ist meistens unbewusst. Ich weiß nicht, woher die Sätze kommen. Wenn es gut läuft, weiß ich es weniger, als wenn es schlecht läuft. Eine Welt wächst, und eine Lösung präsentiert sich von selbst. […]

Die Ideen, Sätze, Lösungen entstehen […] aus Interaktionen und Dialogen. Das Außen bewegt sich nach innen, sodass sich das Innen nach außen bewegen kann.“

Verachtung

Was ich – wenn es mir bewusst wird – an mir verachte, ist dieses mich-anbiedern. Immer noch dazugehören wollen. Es ist vollkommen okay, Menschen zu bewundern, weil sie Verknüpfungen herstellen, die ich noch nicht so herstellen konnte, weil sie Formen finden für Gedanken und Gefühle, die ich bisher unbenannt und formlos lediglich gespürt oder verdrängt habe. Etwas grundsätzlich anderes ist es die eigenen gekränkten Gefühle und Fragen zu zensieren, aus Angst damit erkennen zu geben, dass ich nicht dazu gehöre. Natürlich gehöre ich nicht dazu. Wie soll ich jemals irgendwo dazugehören, wenn ich mir nicht das Recht zugestehe, in erster Linie zu mir selbst zu gehören?

Was man weiß oder im Titel finden bin ich miserabel

In meinem letzten Eintrag hatte ich mir Fragen gestellt zu Kinderwunsch und Elternschaft, wie das alles persönlich erfahren wird, und was es eventuell über uns als Gesellschaft aussagt. Ein Vater hat geantwortet, sonst war es eher still, um nicht zu sagen stumm. Darum beantworte ich jetzt die Fragen aus meiner eigenen kleinen Perspektive. Und hoffe weiter, dass vielleicht doch noch die eine oder der andere seine Geschichte erzählen mag.

Ich habe tatsächlich sehr wenig über das Leben mit Kindern gewusst, bevor ich selbst Mutter wurde. Da war keine ältere Schwester und die Cousinen hatten ihre Kinder bekommen, als ich in ganz anderen Welten unterwegs war. Freundinnen, die Kinder hatten gab es auch nicht, oder aber sie verschwanden aus dem Freundeskreis, sobald das Kind da war.

Zum Kinderwunsch gibt es zwei Erinnerungen. Eine davon kommt mir selbst unglaubwürdig romantisch vor, aber ich erinnere es genau so. Ich war vielleicht 19 oder 20, als ich irgendwo im Gedränge der Einkaufsstraße eine Frau sah, die einen unglaublichen Gesichtsausdruck hatte, vollkommen in sich ruhend, glücklich, zuversichtlich, aber all diese Adjektive treffen es nicht wirklich, vielleicht müsste ich so ein Wort wie „erleuchtet“ bemühen. Jedenfalls machte sie auch ohne das passende Adjektiv einen sehr großen Eindruck auf mich. Und diese Frau war schwanger. Irgendwie muss ich den dicken Bauch und das erleuchtete Gesicht zusammengebracht haben und von da an hatte ich diese Überzeugung, dass es nichts Schöneres, Erfüllenderes und Erstrebenswerteres gibt, als schwanger zu sein. Auch wenn das noch Zeit hatte.

Die zweite Erinnerung: ich bin mittlerweile Ende 20, Anfang 30. Immer häufiger fragen mich Kinder, ob ich denn selbst auch Kinder hätte, und jedes Mal schäme ich mich, wenn ich nein sagen muss. Warum ich mich schäme? Das frage ich mich bis heute selbst.

Und was die Rechenschaft angeht, natürlich haben wir früher, in den 80er gesagt, geht gar nicht Kinder in diese kaputte Welt zu setzen. Unverantwortlich. Und dann nicht mehr darüber gesprochen, wenn die Kinder da waren. Oder auf einer ganz anderen Ebene darüber geredet. Dabei war die Welt kein bisschen besser geworden, nur wir vermutlich bequemer, oder einfach älter. Das auf jeden Fall. Es gibt ja diese Theorie, dass wir Kinder als Verlängerung unserer selbst in die Zukunft, die wir selbst nicht mehr erleben werden, betrachten. Dieser Gedanke ist mir eigentlich fremd.

Andreas schreibt von der Korrektur der eigenen Kindheit. Da ist etwas dran. Ich kann mich jedenfalls noch gut erinnern, wie häufig ich während meiner Kindheit und noch viel häufiger in der Pubertät gedacht habe; das werde ich niemals tun, ich werde meine Kinder ganz anders behandeln. Und das habe ich auch getan, und natürlich auch wieder nicht.

Die Antwort einer Bekannten ist mir nachhaltig in Erinnerung geblieben, weil ich erstens sicher bin, dass sie jedes Wort genauso gemeint hat, und weil ich zweitens kein Wort davon glaube, was sie gesagt hat. Ich glaube, dass ich meinen Kindern eine wirklich gute Mutter bin, hat sie gesagt, dass sie es kaum besser haben können, dass ich das kann, Kinder glücklich aufwachsen lassen. Und mir wird noch heute schwindelig vor so viel Selbstbewusstsein. Denn das habe ich nie geglaubt, dass ich diesen wunderbaren Wesen, die erst innerhalb und wenig später außerhalb von mir heranwachsen durften, jemals auch nur annähernd gerecht werden konnte und kann. Ich weiß nie, wie es geht. Das mit der Fürsorge, das mit dem Loslassen, das mit der richtigen Balance dazwischen. Es gibt keine schwierigere Aufgabe als Mutter zu sein. Und keine schönere.

Zeug*innenschaft statt Rechenschaft

Seltsam, dass keine der Besprechungen von Stellings „Schäfchen im Trockenen“ darauf eingeht, dass dieser einzige isolierte einsame Eintrag im Tagebuch der Mutter : Wieder zu viel gegessen – natürlich dafür steht, dass Frauen das so lernen, alles in sich hineinzufressen. Vielleicht ist das ja zu offensichtlich, um erwähnt werden zu müssen. Aber vielleicht überlesen das die Rezensentinnen auch gerne. Zu platt, nicht intellektuell genug, da schreibt man dann doch lieber woraus sich der Name der Protagonistin ableitet, weil man dann ein wenig mit Hintergrundwissen (auch nur gegoogelt) glänzen kann, dass Parrhesia Redefreiheit meint, auch wenn man dadurch, dass man erwähnt, Stelling habe das im Interview „verraten“ klar macht, dass man das Buch eher nicht gelesen hat, denn tatsächlich muss Anke Stelling das in keinem Interview erklären, es steht ja schwarz auf weiß im Buch:

„Aufhören, mich dem Betrieb zu empfehlen. Jetzt hat sie doch ihren Preis, die olle Resi, also muss niemand mehr bemerken, dass ihr Name nicht auf Theresia, sondern auf Parrhesia zurückgeht.“

Aber gut, das steht auf Seite 259, man hätte das Buch also zu Ende lesen müssen.

Ich bin jedenfalls froh, dass ich das Buch dann endlich doch gelesen habe. Weil es ganz viele Fragen aufwirft, die mich ganz persönlich angehen.

Ich frage mich zum Beispiel; was weiß man, wenn man Kinder bekommt (müssen ja nicht gleich vier sein)? Gibt es wirklich aufrichtige Antworten darauf, warum man sich Kinder wünscht? Legt man Rechenschaft ab über seinen Kinderwunsch? Und wenn ja, wem gegenüber? Vor sich selbst? Vor den Kindern? Der Gesellschaft? Und warum?

Und das sind keine rhetorischen Fragen, das interessiert mich wirklich. Also gerne her mit eigenen Geschichten und Kommentaren. Vielleicht können wir die schöne Anregung, zusammen zu schreiben, von Andreas Wolf neulich, ein bisschen mit Leben füllen. Und ganz nebenbei etwas über uns und unsere Gesellschaft herausfinden.

„Wenn das noch geht kann es nicht so schlimm sein – Benjamin Maack“ – Keine Rezension

„Entwaffnend ehrlich“, auch bei diesem Buch stehen diese zwei Worte auf dem Klappentext. Und während ich derartige Werbebotschaften sonst eher unbemerkt hinnehme, überlese, frage ich mich plötzlich, was damit eigentlich gemeint ist: entwaffnend ehrlich. Als hätten wir nichts besseres zu tun, als mit Schwertern und Pistolen auf die Lügen der anderen los zu gehen. Als würden wir nicht ganz gerne mal ein paar Lügen hören.

Und ich erinnere mich, an die Tage, die schon immer Schwundstufen ihrer selbst waren. Wenn es einen durchgehenden Sinn in meinem Leben gibt, dann den, andere immer wieder aufs Neue zu enttäuschen.

Entwaffnend meint: sich in seiner Erbärmlichkeit zeigen. Ohne den Schutz von Masken. Aber es passt noch immer nicht. Weil man sich doch nicht strategisch entscheidet, sich so zu zeigen, als Reaktion auf eine Bedrohung. Ich meine, was sind die Waffen? Wofür stehen sie?

Also lese ich weiter. Von diesem Anspruch, fast schon Zwang, ein guter Patient sein zu wollen. Die Aufgabe, gleichzeitig krank genug zu sein, und bestmöglich an einer Heilung mitzuwirken, wird zu einer Schulaufgabe, die plötzlich zu einer Lebensaufgabe herangewachsen ist, die zur Zufriedenheit aller gelöst werden muss. Eine Aufgabe, an der man zwangsläufig scheitern muss. Das ist sehr aufrichtig und sehr traurig, und etwas, das zumindest ich, sehr gut nachvollziehen kann. Dieses Streben alles immerzu möglichst richtig und zur Zufriedenheit der anderen zu erfüllen, und die Überzeugung, es bei aller Anstrengung nie auch nur annähernd hinzubekommen.

Und dieser zermürbende Zweifel ist wertvoll. Weil er das einzige ist, was man hat. Weil man ja nicht einmal traurig ist, nur leer. Und in dieser Leere hegt man den Zweifel, in der Hoffnung, es könnte etwas anderes daraus werden als Selbsthass.

Oder der vermeintliche Wunsch zu sterben.

„Eigentlich willst du das nicht. Du kannst nur grad nicht nicht wollen.“

So einfach ist das. So widersprüchlich.

Und wie die schönen, vermeintlich poetischen Sätze, durch genaues Hinsehen, durch Aufrichtigkeit, die Abgründe offenbaren, die sie unter dem Eindruck des Schönen, nur dezent durchscheinen lassen.

„Ich bin ein unglücklicher Mensch, der mit Glück überschüttet wird.

[…]

Ich bin ein Mensch in panischer Angst, der mit Glück überschüttet wird, bis es ihm

die Luft abdrückt.“

Das ist ja auch eine Art von Entwaffnung.

„Mitten im Leben einige Schritte aus dem Alltag zurücktreten zu müssen, oder besser zu dürfen, und die Chance zu haben, sich alles anzusehen, ist befremdlich und verunsichernd. Für mich war es aber auch ein Abenteuer, ein ebenso schreckliches wie wunderbares Geschenk. Ich sah mein Leben an und sah, dass es Mist war.“

Entwaffnend. Jetzt habe ich es verstanden. Weil man die Rüstung ablegt. Sich verletzbar macht. Das ultimative Friedensangebot.

Kastanien

Inspiriert von Wald und Höhle, habe ich mich an meinen Großvater erinnert, und an die Kastanien in seiner Manteltasche.

Mein Großvater brummt und mein Großvater kratzt. Mein Großvater hat große raue Hände. Er erzählt Großvatergeschichten. In seiner Tasche hat er immer ein Kastanie. Die schützt alte Menschen vor Rheuma. Die Kastanien findet mein Großvater direkt vor seiner Haustür. Aus dem Küchenfenster, vor dem meine Großmutter tagein tagaus sitzt, sieht man den mächtigen Kastanienbaum. Meine Großmutter bewacht ihn vom Fenster aus, mein Großvater geht vor die Tür und sammelt die Kastanien ein. Eine behält er in seiner Manteltasche. Eine bekomme ich. Sie soll mich beschützen, oder erinnern.

In allen Taschen meiner Jacken liegt eine Kastanie. Braun und glatt, kühl und geschmeidig in der Hand. Wenn ich sie streichle ist es manchmal, als nähme mich mein Großvater noch einmal an die Hand.

Ausnahmezustand und Aufmerksamkeit

Inzwischen weiß ich nicht mehr, im wie vielten Tag des Ausnahmezustands wir uns eigentlich befinden. Ich leide nicht mehr wirklich darunter, aber ich bin auch weit entfernt, mich daran gewöhnt zu haben. Ein ganz vorzüglicher Beitrag, zu dem, was ich über weite Strecken genauso empfinde, aber nicht so gut in Worte fassen kann, findet sich hier.

Überall herrscht helle Aufregung über Till Lindemanns Vergewaltigungsgedicht. Schade, dass die Texte, die eine Auseinandersetzung wert wären, nie so in den Fokus rücken.

Pausentaste

Das Anstrengenste neben der Angst (die noch gut unterdrückt, aber trotzdem ständig da ist), ist diese Beobachtung und irgendwie auch der Anspruch, dass da jetzt ganz viel Zeitgewinn sein müsste. Zeit, um in sich zu gehen, um kreativ zu werden, endlich die monströs dicken Bücher zu lesen, aufzuräumen und zu renovieren. Ich erlebe das nicht so. Obwohl ich seit gestern offiziell zur ständig wachsenden Herde von Kurzarbeiter*innen gehöre, lese ich nicht mehr und auch für all das andere bleibt mir nicht mehr Zeit. Ich bin vielmehr auf seltsame unerklärliche Weise ständig erschöpft. Erschöpft und ratlos und hin- und hergeworfen und noch unsicherer als ohnehin schon.

Von jedem Artikel, den ich lese, erwarte ich Erkenntnisgewinn. Einfache Hingabe an einen Text, oder gar an den Moment, scheint nicht mehr möglich. Als würde das aus Leistungsansprüchen bestehende Hamsterrad sich umso schneller (und verzweifelter) drehen, je länger die Pausentaste gedrückt bleibt.