Bücher hamstern, Erkenntnisse sammeln

Bücher hamstern ist ja nichts, was ich jetzt entdecke, um den Buchhandel zu retten, sondern eher mein Alltag, solange das Geld reicht, decke ich mich mit Büchern ein. Gestern kam unter anderen Benjamin Maacks „Wenn das noch geht kann es nicht so schlimm sein“ an.

Und es hat wirklich eine Weile gedauert, bis ich verstanden habe, dass die Zahlen, die Überschriften aus ausgeschriebenen Zahlen, die Tage bezeichnen, von denen Maack erzählt. Von denen er manchmal nicht mehr als eine an ihn gerichtete Frage erzählt, und ein anderes Mal mehr.

Immer fühle ich mich ertappt, und gleichzeitig verstanden. Da steht plötzlich, was ich vor vielen Jahren bei der Gruppentherapie in der psychosomatischen Klinik gedacht habe:

„Ich habe keine Gründe, nur Wehwehchen. Ich dürfte gar nicht hier sein. […] Ich wünschte, ich hätte ein richtiges Problem. Aber irgendwie habe ich ein falsches.“

In der Gruppentherapie war eine Mutter, deren Sohn verunglückt war, eine Frau, die mit einem Alkoholiker verheiratet war, und als wäre das nicht schwer genug, hatte sich ihre Mutter gerade umgebracht. Und ich. Mit meinen falschen Problemen. Mit meinen unspezifischen, nicht verschwindenden Schmerzen, für die die Ärzte aber keine körperlichen Ursachen finden konnten. Ein Jahr später haben sie dann doch die Ursachen gefunden, ich wurde operiert und das Problem war gelöst.

Depressiv war ich immer mal wieder, aber damals in der Klinik vermutlich so wenig wie selten. Auf jeden Fall zu wenig, um mich nicht heute noch zu schämen, wenn ich mich im Stuhlkreis sehe, mit denen, die wirkliche Probleme hatten. Richtige Probleme.

10 Gedanken zu “Bücher hamstern, Erkenntnisse sammeln

  1. oh, „probleme“ kann man ja nicht werten. manche probleme sind eben nicht so offensichtlich, nicht von einem bestimmten ereignis hervorgerufen, sondern anders, von innen, von früheren erfahrungen her oder weiß der kuckuck. aber das sind deshalb keine „falschen“ probleme. (aber ich verstehe, dass es sich vielleicht so anfühlen mag.)
    bücher hamstern – ja! – unbedingt und immer. 🙂
    einen lieben gruß von diana

    1. Wie schon geschrieben, ist diese Unterteilung Teil des Problems. Aber ich glaube immer noch, dass es berechtigt ist, mich schäbig zu fühlen, irgendwie wie ein Parasit zwischen denen mit unvergleichlichen Schwierigkeiten.

  2. Gibt es für Seelenschmerz Hierarchien und Berechtigungen?

    (Ach, ich kenn das doch auch, dieses Werten. Ich versuche es mir abzugewöhnen, weil solches Denken ins Leere läuft.)

  3. Ich bin ja auch ein notorischer Bücherhamsterer, kurz bevor das Virus alles lahmlegte, habe ich mich noch mit einem großen Stapel eingedeckt, und stelle jetzt fest, dass ich trotz der Ausgangsbeschränkung eigentlich gar nicht so viel mehr zum Lesen komme, wie man meinen sollte. Es ist alles so bedrohlich, die meiste Zeit lese ich jetzt eher Nachrichten, kann mich schwerer als sonst auf die schöne Literatur konzentrieren. Auch so ein Luxusproblem natürlich…

    1. Ja, das kann ich nachvollziehen. Maack gestern war das erste Buch, in dem ich mich festgelesen habe, dessen Lektüre diese ganze Krisenlage kurz ausgeblendet hat. Vielleicht nicht richtig, aber sehr erleichternd.

      1. Alles, was erleichtert, ist auch richtig, gerade jetzt. Gestern telefonierte ich mit einem Freund, der sagte, er lese gar kein Twitter mehr, nur einmal am Tag Tagesschau, ansonsten lesen, Musik hören, Gartenarbeit, meditieren. Das erschien mir sofort als einleuchtend und genau richtig. Ich arbeite noch an mir, aber genau da will ich auch hin. (Leider habe ich keinen Garten.)

  4. Nein, niemand sollte sich schäbig fühlen, nicht mal im „falschen“ Stuhlkreis. Du hast da Menschen kennengelernt, die Dir etwas gezeigt haben. Du hast Dich besser verstanden. Und sie. Probleme sind im Grunde nicht größer oder kleiner. Sie verlangen unterschiedliche Strategien. Es gibt wohl Probleme, die sich schon damit erledigen, ihnen nicht mehr so große Aufmerksamkeit zu schenken. Aber auch das muss man ja erst mal verstehen.- Scheint ein interessantes Buch zu sein…

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