Immer noch Samstag, aber anders

Draußen gewesen, die kalte Luft genossen, den Sonnenschein auch. Gesehen, wie vernünftig die Menschen sind, die Innenstadt fast menschenleer.

Es geht mir besser. Zu einem nicht unerheblichen Maß verantwortlich dafür, ist der Austausch mit geduldigen zugewandten Menschen und dieser Artikel, der mir vor Augen geführt hat, dass es Alternativen zur Verweigerung gibt. Der Fortschritt ist vermutlich wirklich nicht aufzuhalten (obwohl ich mich lange lange relativ inbrünstig genau dieser Einsicht verschlossen habe), viel wichtiger ist aber: man kann sich entscheiden; gegen wirtschaftliche Akkumulation und für persönliche Entwicklung. Und das, kann ich plötzlich denken, könnte doch vielleicht wirklich eine Nebenwirkung dieser Krise sein, dass wir nicht nur im persönlichen privaten Bereich diese Entscheidungen treffen und anpassen können und dürfen, sondern dass es gesamtgesellschaftlich möglich sein könnte. Das ist gerade eine Utopie, die mir wirklich Hoffnung macht.

Samstag

Ich kann nichts anfangen und gleichzeitig kann ich nicht aufhören, ständig etwas anzufangen. Genauso paradox und unlogisch, wie es sich anhört, fühlt es sich auch an. Auch Regnose statt Prognose hilft mir gerade nicht. Nichts ist falsch daran, so mit der Situation umzugehen. Es funktioniert nur nicht bei mir. Es geht mir wie der Betreiberin von Gleisbauarbeiten, ich kann mich gerade in keiner der zahlreichen positiven Fantasien wiederfinden, kann mich nicht einmal wirklich damit auseinander setzen. Ich will nur die Normalität zurück, zähes Kämpfen gegen all die Ungerechtigkeiten und für all das, was verbessert werden muss. Für eine Revolution, oder auch nur für den Glauben an eine revolutionäre Kraft, die durch diesen Ausnahmezustand, in dem wir uns auf ungewisse Zeit befinden, bin ich gerade zu schwach.

Immer haben wir gedacht, gesagt, geträumt: alles könnte ganz anders sein, und dann- plötzlich – ist alles ganz anders. Und die Tage lösen sich auf. In pure Ratlosigkeit, Überforderung, Angst.

Ein „nach dem Virus“ wird immer schwerer vorstellbar. Für mich.

Umso dankbarer bin ich für all jene, die kreative Möglichkeiten finden, mit der Situation, wie sie gerade ist, umzugehen. Das Münchner Residenztheater führt ein Tagebuch des geschlossenen Theaters und der unvergleichliche Elif Verlag hat sich ebenfalls etwas einfallen lassen, um die ausgefallenen Lesungen zu kompensieren. Und das sind nur zwei ausgewählte Beispiele aus einer ganzen Reihe von kreativen Umgangsformen, fernab von Verzweiflung oder Verdrängung, Versuche etwas zu gestalten, was jetzt ist.

Ich selbst bin noch ziemlich gelähmt, zwischen der Unmöglichkeit, mich nicht ständig mit den Umständen zu beschäftigen und der ebenso unmöglichen Alternative, mich auf etwas ganz anderes einzulassen. Unzeitgemäß zu denken und zu schreiben. Mich zu retten, in das, was ja trotz allem da ist, wunderbare Bücher, wunderbare Menschen, Kunst, Kultur, Musik. Die Natur.