Hanau

Man weiß gar nicht wohin mit sich vor Trauer und Wut, schreibt Max Czollek, und ich zitiere das einfach, weil ich nach wie vor sprachlos bin angesichts dessen, was am Mittwoch geschehen ist. Wir müssen auf unsere Sprache achten sagt Steinmeier und Merkel sagt, Hass und Rassismus sind Gift. Warum nur hat es so lange gedauert, bis wir das endlich erkennen? Einige Antworten dazu liefert auch Kübra Gümüsays Buch Sprache und Sein, die wichtigste Lehre für mich aus diesem Buch ist aber die „Erlaubnis“ Fehler zu machen, sich zu entwickeln, nur so können wir doch gemeinsam versuchen eine neue Gesellschaft zu schaffen. Nur auf die Straße zu gehen genügt nicht, wir brauchen Utopien und Mut, gerade auch Mut, zu scheitern, Fehler zu machen, uns unsere Beschränktheit einzugestehen, weil das ja auch bedeutet, dass wir einander brauchen. Gümüsay macht mit ihrem klugen Buch Mut, sich nicht nur mit anderen Sichtweisen, sondern auch mit der eigenen Begrenztheit auseinander zu setzen, um Austausch an die Stelle von Abgrenzung zu setzen.

Verschiedene Blickwinkel

Gerade Serpentinen zu Ende gelesen, ein Buch das noch lange nachklingt, da liegen zwei weitere wunderbare Bücher hier, die Berlin Triologie von Aras Ören und Ocean Vuongs „Nachthimmel mit Austrittswunden“.

Zu allem Überfluss ist gerade jetzt so viel zu tun, Arbeit hier, Projekte da. Deswegen empfehle ich heute einen sehr klugen und differenzierten Artikel von Simone Schabert auf Fixpoetry, in dem sie sich Gedanken dazu macht, wie Knausgard die Dinge sieht, und vor allem, welche Bedeutung das für die politische Kultur hat: „gesehen von Karl Ove Knausgard“

Die Kraft unserer Hoffnung

Wunderbare, wichtige Bücher gelesen und auf einmal das Gefühl gehabt, es könnte ratsam sein, sich Vorbilder (mein erstes Vorbild war Rosa Luxemburg, unerreichbar, aber so beeindruckend, und später literarisch Ilse Aichinger und Marguerite Duras, neben vielen vielen anderen wunderbaren Schriftstellerinnen, waren und sind diese zwei meine Fixsterne.) durchaus auch in der jüngeren Generation zu suchen.

Koleka Putuma mit ihrem gerechten Zorn und Kübra Gümüsay mit ihrem differenzierten klugen Blick auf unsere Gesellschaft und darauf, welche Rolle die Sprache dabei spielt, sowohl als Aggressor als auch als Heilmittel, diese zwei jungen Frauen eignen sich hervorragend dafür. Weil beide nicht zuletzt zeigen, wie viel wir gewinnen, wenn wir uns auseinander setzen, statt zu verdrängen. Je mehr Perspektiven wir zulassen, je mutiger wir Neugierde gegen Angst einsetzen, umso größer und reichhaltiger wird unsere Welt, umso wahrscheinlicher wird es, dass jeder von uns seinen Platz findet und seine Einzigartigkeit, jenseits von Stereotypen, das Gemeinwohl steigernd, entfalten kann. Indem wir der erdrückenden Realität die geballte Kraft unserer Hoffnung entgegen setzen.

Es soll Sterne regnen

Tatsächlich wäre ohne Fixpoetry, ohne diese sich ständig weiterentwickelnde, immer wieder kritisch und bei aller Kritik begeistert und engagiert und sowohl der Literatur als auch denen, die sie machen,  zugewandten Seite einiges anders verlaufen in meinem Leben. Ich selbst hätte mir niemals zugetraut Besprechungen zu schreiben, aber Julietta Fix hat mir diese Chance gegeben und jetzt schreibe ich seit vielen Jahren mit nicht nachlassender Begeisterung.

Aber Fixpoetry ist so viel mehr. Wen habe ich nicht alles entdeckt dank dieses Ortes, der offen ist für alles und die Augen öffnet für all das, was es auch noch gibt in der großen und zunehmend unübersichtlichen literarischen Welt.

Ich möchte mir nicht vorstellen müssen, wie diese Plattform verschwindet, ich möchte vielmehr sehen, wie die Entwicklung weitergeht. Am liebsten sehen, wie die Entwicklung weitergehen könnte, wenn die Sorge um finanzielle Unterstützung wegfallen würde.

Wenn jeder von uns, der hier liest und von der unermüdlichen Arbeit Juliettas und ihres Teams profitiert, wenigstens ein Sternchen  spenden  würde, und ich wage zu behaupten, dass jeder das finanziell stemmen kann, dann hätte Fixpoetry nicht nur die Lippenbekenntnisse und Leserinnenzahlen als Rückhalt, sondern wenigstens ein wenig Geld, um sich auf das konzentrieren zu können, was diesen Ort so wertvoll macht: unabhängig und neugierig über Literatur zu reden.

Ich bin ab heute ein Stern. Bitte macht mit!