(17)

Ich fresse. Süßes, Salziges. Hauptsache nicht gesund. Weil ich Angst habe? Um die Unruhe zu betäuben? Weil ich immer noch nicht akzeptieren kann, dass es diese einfache Trennung in richtig und falsch nicht gibt? Oder dass es kein Ankommen gibt, nur die unaufhörliche Bewegung. Die Suche nach Haltung und ein ständig gefährdetes Gleichgewicht.

Dieser seltsame Zwang, immerzu Vorräte anzulegen. Der Schimmel, den die Zeit ansetzt, wenn sie nicht bewegt wird. Die Hälfte der Zeit. Und die andere Hälfte der Zeit. Was wir von uns wissen können. Und was von der Welt. Und dass zum Wissen immer Zweifel gehören, zum Glauben aber Gewissheit. Und wie sich die Haltung zwischen diesen beiden Polen austariert. Ein Gleichgewicht sucht. Und manchmal auch findet.

10 Gedanken zu “(17)

  1. „Die Suche nach Haltung und ein ständig gefährdetes Gleichgewicht.
    Dieser seltsame Zwang, immerzu Vorräte anzulegen.“

    Heftiges Nicken von mir.

  2. Liebe Elke,
    zu diesem und vielen anderen Einträgen über Gefühle und Verhalten fällt mir ein, dass wir zwar den Krieg nicht erlebt haben, aber Kinder der Kriegsgeneration sind. Die Prägung, die unsere Eltern und Großeltern erfahren und weiter gelebt haben, ist auch gelebtes Vorbild für die nachfolgende Generation, für uns. Als Beispiel: Am vielleicht banalen Verhalten des Sammelns von leeren Kartons, Gefäßen und Verpackungsmaterials, dem Bügeln von benutzten Geschenkbändern kann ich mit demselben Verhalten meine Mutter und Großmutter vor mir sehen. Es gibt inzwischen Studien und Literatur zu diesem Thema. – Warum erschrickt mich noch immer die samstagliche zwölf-Uhr-Sirene so sehr? Obwohl i c h doch persönlich keinen Fliegeralarm mehr erlebt habe. Auch und gerade Ängste scheinen mir ihre Herkunft in Kriegs- und Fluchtgefühlen meiner Altvorderen zu haben.

    Seltsam scheint mir, wie hartnäckig sich diese Beeinträchtigungen einem positiveren Gefühl und Verhalten verweigern.

    Herzlichen Gruß
    Bess

    1. Diese Vererbung von Traumata, insbesondere Kriegstraumata ist ein sehr interessantes und weites Feld, eine Biologin erzählte mir einmal, dass es inzwischen Nachweise gibt, dass die Vererbung tatsächlich zellulär nachgewiesen werden kann.
      Aber verweigern sich diese Beeinträchtigungen – sind es Beeinträchtigungen? einem positiveren Gefühl? Ich weiß es nicht, vielleicht geht es erst einmal darum, anzuerkennen, dass es diese Erbschaft gibt, statt immerzu dagegen anzukämpfen. Vielleicht ist das nicht nur der erste, sondern auch der wichtigste Schritt hin zu Heilung.
      Und übrigens: vielen Dank für Deine jetzt schon so lange währende lesende und kommentierende Begleitung, auch wenn ich nicht immer antworte, freue ich mich immer über Deine Gedanken. herzlich
      Elke

  3. Richtig und falsch kann vielleicht in Relation zu einem Ziel oder einer angestrebten Funktion gesehen werden: Willst du Leben schützen oder zum Gedeihen bringen, ist die Zuwendung und die Unterstützung richtig, die Zerstörung falsch. Denken wir weiter, setzen wir richtig und falsch dann mit einer Moral in Beziehung, einer Vorstellung darüber, wie kleine Gruppen oder ganze Gesellschaften am besten miteinander funktionieren. Im Grunde ist alles darauf ausgerichtet, dass es gewisse Zielvorstellungen erreicht oder eben nicht. Das entromantisiert die Frage nach richtig, falsch, gut und böse vielleicht, aber wenigstens werden die Begriffe dann nicht komplett bedeutungslos.

    Du hast es so wundervoll ausgedrückt. Zum Wissen gehören die Zweifel, zum Glauben die Gewissheit. Deshalb arbeitet die Wissenschaft lediglich mit Theorien und falsifizierbaren Hypothesen, während die Religion mit Dogmen hantiert.

    Aber es gibt auch eine Art heilsamen Glauben, diese globale und unkonkrete Form der inneren Gewissheit, dass am Ende alles gut wird, weil die Kraft hinter dem Universum gut ist. Dieser kann ich mich kaum entziehen, die Kernnaivität konnte sich in mir irgendwie retten vor all dem … Namenlosen.

  4. Wie schön, Sherry, Dich wieder einmal zu lesen, und von deinen gewohnt klugen Differenzierungen profitieren zu dürfen. Am allerallerschönsten aber ist ganz gewiss Dein letzter Satz, dass die hoffnungsvolle „kernnaivität“ Dir erhalten geblieben ist, trotz allem, allem zum Trotz!

      1. Ich habe dir übrigens eine Mail geschrieben, weil mein Kommentar drüben auf deinen Blog irgendwie untergegangen ist. Aber vielleicht hast du diese Mail Adresse gar nicht mehr. Ich freue mich jedenfalls sehr mit euch auf das Kind. ❤️

      2. Oh nein, liebe Elke. Ich habe das Notification zu deinem Comment gar nicht erhalten, hab es jetzt manuell freigeschaltet. Tut mir leid. Meine alte E-Mail Adresse ist leider nicht mehr aktiv. Danke dir. ❤

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