Gedanken beim Besuch der Ausstellung „Künstler sein“ von Anna Oppermann

Dem Frau sein entkommst du nicht. Das denke ich bei den Frühwerken, die mich sehr viel mehr ansprechen als die großen Ensembles, mit denen Anna Oppermann bekannt geworden ist. Ich denke dabei an die anrührende Szene, die Marica Bodrozic in „Poetische Vernunft im Zeitalter gusseiserner Begriffe“ beschreibt. Wie ihre Cousins, mit denen sie ständig spielte, sie eines Tages ausschließen, beim geplanten Ausflug in die Höhlen darf sie nicht dabei sein. Weil sie ein Mädchen ist. Bodrozic beschreibt wie tief der Schock gewesen ist, als sie ihre Tante fragte, was sie denn tun müsse, um kein Mädchen mehr zu sein, wann dieser ausschließende Zustand denn vorbei sein, und zur Antwort ein „niemals“ erhält. Dem Frau sein entkommst du nicht. Der Trennung und dem Ausgeschlossen werden. Es ist uns auf den Leib geschrieben. Bestimmt sowohl den Blickwinkel mit dem wir sehen, als auch den, mit dem wir gesehen werden. Es ist der Rahmen, der uns hält und begrenzt. Auch die Netze, die wir spinnen, sind geknüpft von weiblichen Fingern.

Wenn Oppermann eine ihrer riesigen Ensembles, die über viele Jahre entstanden sind, „Zeichnen nach der Natur“ nennt, erhält das auf einmal eine viel weitreichendere Bedeutung. Das Nützliche und das Natürliche. Und dass sich das nicht immer ergänzen kann. Oppermann erfasst in ihren Bildern, besonders in den Collagen, durchaus auch die Abgründe der Natur.

Nerven, Synapsen, Dynamik und Bewegung. Das Flüssige wird fest. Was ist Selbstbestimmung? Wie findet eine zum eigenen Ausdruck?

Kunst erscheint vor diesem Hintergrund als Gegenentwurf zu den bestehenden Verhältnissen. Fast wie bei Rilke: „Du musst dein Leben ändern“.

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