Champagner Lesetagebuch II

Es ist viel schwieriger als ich gedacht habe, mich schreibend beim Lesen dieses Lesebuchs zu begleiten. Da die Gedanken klug aufeinander aufbauen, erschließen sie sich erst nach und nach, und wenn ich jetzt etwas zu Erinnerung, Gap Gardening und poetischen Feldern schreibe, ist es notwendig unvollständig, eben weil sich alles nach und nach entwickelt. Andererseits kann vielleicht auch das ein Reiz sein, sich selbst beim Lernen, beim Entwickeln von Zusammenhängen zuzusehen.

Vor der Umarmung liegt vielleicht die Ansprache. Und die Ansprache der Erinnerung beinhaltet immer diesen Satz: Es gibt kein Zurück. Dann kann man die Erinnerungen stapeln, um dieses Es gibt kein Zurück nicht zu sehen, aber natürlich funktioniert das nicht. Vielmehr mauert man sich ein damit in einer Vergangenheit in die man nicht zurück kann und vernagelt zudem die Fenster in eine mögliche Zukunft, die man so nicht sehen kann. Aber das sind Abschweifungen.

Kehren wir also zurück zur Poesie. Die alles ansprechen (und angreifen?) kann, aber mit jeder Ansprache zugleich Fragen aufwirft: Wer spricht? Wer darf überhaupt sprechen? Und als was oder wer spricht er dann? Und was / oder wer spricht mich eigentlich an, wenn mich ein Gedicht anspricht? Bin ich wirklich gemeint? Und wie finde ich das heraus?

Und ich als Leserin/Hörerin, lese ich, was dort steht, oder lese ich nur meine eigenen unreflektierten Gedanken in das Fremde hinein? Ist die innere Stimme wirklich die eigene Stimme?

Rinck schreibt dazu: „Aber Vorsehen: Auch Selbstzweifel sind ein sehr guter Trick, um nachhaltig um sich selbst zu kreisen und dabei kein Stück weiterzukommen – vielleicht weiter hinein, aber nicht näher an den anderen heran.“

 

Nicht nur nicht näher an den anderen heran, sondern als distanzloser (und zumeist auch gedankenloser oder wenigstens gedankenarmer) Angriff, gestaltet sich mitunter die „körperlos direkte Ansprache“ auf den sozialen Plattformen, die nicht selten Sprachgewalt in gewaltausübende Sprache verwandelt. Mit all dem setzt sich das Gedicht auseinander, kann es sich auseinandersetzen, mit all dem ist es konfrontiert, davon umgeben. Und weil es, wie kaum ein anderes Medium Sprache ernst nimmt und nutzt, statt benutzt, wird die Ansprache eine Ansprache an die Erkenntnis, an die Erweiterung des Erkenntnisvermögens:

„Wenn Sprache ein Erkenntnisinstrument ist, dann wird es auch möglich sein, das Scheitern eines Gedankens an der Sprache, in der er sich vollzieht, abzulesen – für den Fall, dass es eben nicht zur Erkenntnis kommt  und die Ansprache vielleicht nur dazu diente, etwas anderes zu verbergen. […] Ein Text muss nicht harmlos sein, nur weil mir die richtigen Fragen, mit denen ich ihn zum Sprechen bringen könnte, nicht einfallen wollen.“

Und Daniela Seel: „ Angenommen, das Gedicht wäre der Ort, wo alles – alles Sprachliche – zusammenkommen und synthetisiert werden kann, eine letzte Utopie, die weit Entferntes in Beziehung setzt und zurück in die Gemeinschaft trägt, […] Niemand hier ist ohne Verantwortung. Im Lesen bin ich verstrickt in Welt wie Gedicht.“