Aus den Winterarchiven

BEI DER GEBURT eines Kindes gibt es einen Augenblick, wo man sagt, das Kind krönt, und zwar, wenn der Kopf zum ersten Mal sichtbar wird, in der Mutter sichtbar, aber was bedeutet das,krönen, trägt das Kind den Mutterkörper wie eine Krone, oder krönt das Kind die Mutter, wird sie vom Kind gekrönt? Unmöglich, das Kind loszulassen, es hat seinen eigenen Körper, aber zugleich ist es in dem anderen Körper, das Kind ist in der Mutter auch eine Narbe, der Abstand, der ununterbrochen in den Stichen zieht, mit allem, was das Kind lernt, wird der Abstand größer; das Mädchen geht in die Schule, läuft die Straße lang, ist unterwegs, spielt auf dem Spielplatz am Wald. Ich bin misstrauisch gegenüber der Kindheit. Gegenüber diesem In-der-Kindheit-Sein, seiner brunnenartigen, vogelartigen Körperlichkeit, die rauen Landschaften, Umgebungen, in der Turnhalle, die Wände des Schulhofs, der Kies, der Asphalt, die Fahrradreifen, Bürgersteige, Eisspalten, Karosserien. Die Bosheit. Alle anderen Kinder, dieses Überlassensein. Ein Kind haben und es der Welt überlassen. Nichts, was man sonst tut, ist so schwerwiegend. Die ganze Zeit die Welt überleben.

(S. 232 – „Aus den Winterarchiven – Merethe Lindstrom)

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