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Die wenig geöffneten Augen, und wie das Licht hinein fällt. Fällt und fällt, ohne jemals anzukommen, bevor es dumpf aufschlägt auf einem Boden, der alles schluckt und nichts reflektiert

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Aus den Winterarchiven

BEI DER GEBURT eines Kindes gibt es einen Augenblick, wo man sagt, das Kind krönt, und zwar, wenn der Kopf zum ersten Mal sichtbar wird, in der Mutter sichtbar, aber was bedeutet das,krönen, trägt das Kind den Mutterkörper wie eine Krone, oder krönt das Kind die Mutter, wird sie vom Kind gekrönt? Unmöglich, das Kind loszulassen, es hat seinen eigenen Körper, aber zugleich ist es in dem anderen Körper, das Kind ist in der Mutter auch eine Narbe, der Abstand, der ununterbrochen in den Stichen zieht, mit allem, was das Kind lernt, wird der Abstand größer; das Mädchen geht in die Schule, läuft die Straße lang, ist unterwegs, spielt auf dem Spielplatz am Wald. Ich bin misstrauisch gegenüber der Kindheit. Gegenüber diesem In-der-Kindheit-Sein, seiner brunnenartigen, vogelartigen Körperlichkeit, die rauen Landschaften, Umgebungen, in der Turnhalle, die Wände des Schulhofs, der Kies, der Asphalt, die Fahrradreifen, Bürgersteige, Eisspalten, Karosserien. Die Bosheit. Alle anderen Kinder, dieses Überlassensein. Ein Kind haben und es der Welt überlassen. Nichts, was man sonst tut, ist so schwerwiegend. Die ganze Zeit die Welt überleben.

(S. 232 – „Aus den Winterarchiven – Merethe Lindstrom)

VII

Die Armut (was natürlich übertrieben und gleichzeitig nicht übertrieben ist), die Beschränkungen, das Rechnen, und trotzdem hat sie immer versucht, mir alles zu ermöglichen und nie ein Wort gesagt. Nie: das können wir uns nicht leisten. Das ist zu teuer. Stattdessen Reitunterricht und die Sprachenschule, nachdem ich die 12. Klasse zum 2. Mal nicht geschafft hatte, und abgehen musste. Nie ein Wort. Keine Anspielung. Dass sie für all das einen Kredit aufgenommen hat, erfuhr ich erst nach dem plötzlichen Tod meiner Mutter.

VI

Den Dingen auf den Grund gehen. Aber dann ist dort nur Traurigkeit, oder ein weiteres Mal die Angst vor dem Scheitern. Keine Erkenntnis. Keine Anschlussmöglichkeit für weitere Sätze.

V

Diese Verwechslung von dem, was man selbst ist und fühlt, mit den Handlungen, Blicken, Stimmungen des anderen, wenn man liebt. Das sehr fragile Gleichgewicht zwischen Verschmelzen und Abgrenzung. Wie viel Kraft das schon im Normalfall kostet, und wie ungleich schwerer es sein muss, wenn der andere krank ist. Auf eine derart andauernde und gleichzeitig unberechenbare Art und Weise.

III

Vielleicht führt das zu weit. Und auf diese Weise zu nichts.

Die Traurigkeit verkörpern, ihr eine Stimme geben.

„Dass dein Zorn ein Loch sprengt“, steht da. Und dann nichts mehr. Was für ein Zorn? Zorn worauf? Und wo hinein wird das Loch gesprengt?

Vielleicht weil Zorn immer noch etwas ist, das ich bei mir nicht erkenne, das ich mir nicht zugestehe.

Obwohl ich gerade kürzlich erst erlebt habe, wie gut es tut, wie klärend und reinigend es sein kann, wütend zu werden.

Und dann lese ich noch einmal, und plötzlich ist klar, dass das Loch der Widerspruch ist; zwischen Wunsch und Realität, dem, was ist, und dem, was sein sollte.

 

Nach dem ersten besinnungslosen Sturm der Verliebtheit, werden die Narben sichtbar. Es ist nicht voraussehbar, ob sie einander heilen, oder weiter aufreißen werden. Nichts ist absehbar. Genau das ist zuerst ein Abenteuer und dann, wenn sich die Hormone beruhigt haben, eine Unsicherheit, die droht, dir den Boden unter den Füßen weg zu ziehen.

 

II

Fast jeden Tag berichten die Medien davon, wie Erwachsene Kinder verletzen. 4jährige, die auf einem Auge erblinden, weil ein Vater betrunken blindwütig um sich geschlagen hat. Diese Wunde wird immer ganz offensichtlich sein. Sein Leben beeinflussen. Eine Weiche, die weder er selbst, noch die Natur gestellt hat, die dennoch seinen Weg bestimmen wird.

Wir alle tragen mehr oder weniger Wunden aus der Kindheit mit uns herum, einige haben sich verwachsen, andere sind zu versteckt, um zu begreifen, in welchem Zusammenhang sie damit stehen, wie wir heute leiden, zweifeln, an manchen Stellen trotz aller Bemühungen, einfach nicht über uns hinaus wachsen können.

 

Ich war über 40 Jahre alt, als ich das erste Mal ansatzweise begriffen habe, wie sehr mich der frühe Tod meines Vaters, ich war gerade 5 Jahre alt, als er starb, geprägt hat. Besonders meine Trauer, die nicht gesehen, nicht begleitet worden ist. Als wäre die Trauer, die mich als Kind überfordert hat, mit der ich allein gelassen wurde, zu einem Virus geworden, der fortan immerzu in meinem Körper und meinen Gedanken wohnt und wütet. Niemals lebensbedrohlich, aber immer anwesend. Als Hüter vor zu viel Unbeschwertheit und Lebenslust.

I

Woher kommt dieser Hang, diese Zuwendung, fast schon Suche nach Melancholie? All die schwermütigen Schriftsteller, die ich so gerne lese. Der wunderbare Espedal. Und jetzt Merethe Lindstrom. Aber schon lange davor Dostojewski, Les Murrays Schwarze Hunde. Die Anatomie der Melancholie von Burton liegt seit der Lesung, die unter diesem Motto stattfand (wann ist das gewesen? 2015 oder sogar schon davor, 2014?) ungelesen zwar, aber ständig griffbereit, auf dem Schreibtisch.

Die Dunkelheit, die immer wieder alles verschlingt. Sprichwörtlich. Oder wortwörtlich? In den Schatten stellt. Ich kenne das nicht, und kenne es doch. Es ist nie wirklich schlimm. Und nie wirklich weg. Selbst wenn ich glücklich bin, hat die Traurigkeit, die Dunkelheit, die Melancholie ihren Platz in mir. In meiner Anatomie wird die Traurigkeit erst sterben, wenn auch alles andere tot ist. Aber das ist nicht bedauernswert. Es ist eine Grundlage für die Empfänglichkeit von Schönheit, die ich nicht missen möchte.

 

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Die Wege, die verloren gehen. Egal, ob wir sie betreten oder nicht. Alle Wege, alle Schritte, tragen bereits diesen Verlust in sich. Und das die Zukunft immer das Alter ist. Verfall, Krankheit, Tod. Was die Wahrheit ist, und gleichzeitig ein grundverkehrter Gedanke.