Großvater

Ich sitze in der Straßenbahn und überlege, wie eine Geschichte über meinen Großvater anfangen könnte. Diesen Mann, der der Partei (sag es: NSDAP) beigetreten ist, um das Haus für seine Familie zu retten (so geht die Erzählung). Und ich habe nicht gefragt, ob die einfache Parteimitgliedschaft vor Enteignung schütze, weiß nicht einmal, ob er selbst seine Parteizugehörigkeit so begründet hat, oder ob diese Begründung etwas ist, das später dazu gekommen ist. Dabei hätte ich mit ihm darüber reden können. Offene Gespräche konnte ich immer mit ihm führen. Als ich in der Pubertät war, gab es kaum jemanden, der mir so vorurteilsfrei und aufmerksam zuhörte wie er. Dieser Mann, der meine kranke und sterbende Großmutter immer wieder tagelang allein ließ. Derselbe, der die alten Kinderfotos so liebevoll und zärtlich beschriftet hat, dass mir beinahe die Tränen kommen, als mein Onkel sie mir zeigte. (lange nach dem Tod des Großvaters). Ein Patriarch, der für seinen Sohn vor Gericht gezogen ist, weil den ein Nachbar geschlagen hatte. Diese widersprüchliche Fiktion, mit der ich groß geworden, in den Urlaub gefahren und immer wieder lange Gespräche geführt habe, an deren Inhalt ich mich nicht erinnere, aber daran, dass ich stets das Gefühl hatte, ernst genommen zu werden, in all meiner Widersprüchlichkeit.

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8 Gedanken zu “Großvater

  1. Was für feine Erinnerungen. Ich muss an die Fäden einer Spinne denken, die im Morgentau funkeln. (Keine Ahnung warum genau dieses Bild auftaucht. Vielleicht wegen der Widersprüche?)

    1. Ist schon eine seltsame Sache, noch so viele Jahre später Fragen zu haben, erst viel zu spät zu begreifen, dass man jemanden sehr geliebt hat, dass man selbst sehr geliebt worden ist, all das… Vielleicht ist das mit der Liebe,mit den Gefühlen so wie mit dem Morgentau auf einem Spinnennetz, sehr verletzlich, fast unsichtbar, aber ganz wunderschön funkelnd, wenn Licht darauf fällt. Danke.

    1. Egal welche Partei. Das würde ich allerdings wenigstens bedauern, dass mein Großvater in der NSDAP war, wenigstens das, ein bisschen was ist man den Opfern der deutschen Großväter ja doch schuldig

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