Misserfolg

Der Bürgermeister zitiert Bibelsprüche. Halb richtig und halb falsch. Aber er redet ohnehin so schnell, dass kaum etwas von dem, was er sagt, haften bleibt.

Nach seiner Rede werden der Raum und die Gäste sich erneut selbst überlassen. Ich sowieso. Inzwischen ist es 16.00 h. Um 15.30 h war meine Lesung angekündigt. Eine Lesung, für die ich mir im Vorfeld völlig überflüssigerweise Gedanken darum gemacht habe, wie ich meine Texte auf die ausgestellte Kunst abstimmen könnte. Dazu bin ich über 30 km mit dem Rad gefahren, nur um vor Ort festzustellen, dass ich zwar den Ausstellungsort besichtigen konnte, aber kein einziges der Kunstwerke, um die es gehen würde. Die Frau, mit der ich mich dort traf, hatte es offensichtlich nicht für erforderlich gehalten, mir das bei unserem vorausgegangenen Telefonat mitzuteilen. So wie es dann um 16.10 h niemand für erforderlich hielt, mich vorzustellen. „Jetzt gibt es eine Lesung. Hier kann man sitzen, die anderen können sich die Kunstwerke ansehen und mit den Künstlern ins   Gespräch kommen. Das war ziemlich originalgetreu der Ankündigungstext. Die Handvoll Menschen, die dann zur Lesung blieben, waren offenbar weniger an meinen Texten als an einer Sitzmöglichkeit interessiert. Ich versuchte es mit einem Monolog einer wütenden Frau, mit dem Dialog zwischen Rapunzel und Hans im Glück, aber ich drang nicht zum Publikum durch. Es gab kein Publikum, nur Leute, die noch eine Weile sitzen wollten, bis sie wieder herumschlendern würden. Nur weil ich vielleicht einen Menschen, der trotz allem und allem Anschein zum Trotz zuhören wollte, übersehen haben könnte, und weil der Text „Aus dem Gesicht geschnitten“ für mich nicht nur eine Hommage an Louise Bourgeois, sondern auch eine Geschichte darüber ist, warum wir Kunst machen und welche Macht Kunst entwickeln kann, habe ich auch diese Zeilen noch gelesen, bevor ich gedemütigt und ärgerlich aufgegeben habe.

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11 Gedanken zu “Misserfolg

  1. wie frustrierend. tut mir sehr leid! buche es unter „eine erfahrung reicher“ … wobei man manche erfahrungen gar nicht machen möchte, aber danach fragt halt keiner.
    blick nach vorn: die nächste lesung wird bestimmt wieder viel besser! deine texte haben es verdient, gelesen, gehört zu werden. 🙂

    1. Inzwischen ist es okay, zum Glück ist mir so etwas erst jetzt passiert, wäre es am Anfang geschehen, hätte ich womöglich nie wieder öffentlich gelesen. Ich ziehe jetzt die Lehre daraus, dass ich auf jeden Fall ein Honorar verlangen werde.

  2. Das verschlägt mir einfach nur die Sprache. Man könnte es als fehlende Wertschätzung bezeichnen Beim Mitempfinden erlebe ich es aber als respektlose Geringschätzung; dass diese (hoffentlich) nur der Gedankenlosigkeit entspringen kann, tröstet allerdings nicht darüber hinweg, sondern macht das alles in meinen Augen nur noch trostloser.
    — Spontan geschrieben, undurchdacht, während mir eigentlich ja immer noch die Worte fehlen. —

  3. Ja, ich denke auch, dass es ein falscher Platz war, und eine unangenehme, aber gemeisterte Erfahrung mehr. Vielleicht ein Trost (wenn auch nur ein kleiner): auch bereits international renommierte Autor/innen erleben so etwas immer und immer wieder. Das hat also nix mit bekannt oder weniger bekannt zu tun, sondern mit grandioser Überforderung und ebenso grandioser Unhöflichkeit. Danke fürs Teilen!

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