Atemzüge

Da ziehst du mit dem Atem
Der Wellen durch die Dämmerung treibt
Die Luft, die dich ernst nimmt
So lange bis du zu tanzen beginnst
Und das ist immerhin ein Anfang
Den man genau so gut
Unter schweren Buchdeckeln trocknen kann
Um ihn dann zu vergessen
Erst Jahre später
Wird jemand das Buch aufschlagen
Und du sagst
Das war damals
Als ich den Atemzügen gelauscht habe
Als wären sie ein Reiseziel
Diese Momente
Aus denen das Glück besteht.

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Blau

Blau wie Vermutungen, wie diese Reisen ins Blaue, die in Wirklichkeit bis ins letzte Detail geplant werden. Die Anzüge der männlichen Babies sind blau, die der Mädchen blassrosa. Die Brausebärchen (blassrosa ebenso wie himmelblau) lösen sich auf in sprudelnde Erinnerungen. Früher war alles ein Abenteuer. Ein Versprechen. Früher war alles früher. Heute ist alles es war einmal.

Familienverhältnisse

Die Vorurteile, hatte man uns beigebracht, sind notwendig, um zu überleben. Sie beschützen dich, wenn du keine Familie mehr hast. Obwohl Familie und was man sich darunter vorstellt auch ein Vorurteil ist. Meine Mutter: ein Vorurteil. Mein Vater: der Zweifel. Oder umgekehrt? und ich, die nie wusste, was ich werden soll: ein Frage- oder ein Ausrufezeichen.

Und dann spielt die Nacht ihre Rolle. Als Schwester und Bruder. Als Zukunfts-und Vergangenheitsmaschine. Als Abgrund und Einbahnstraße in den Tod. Als Weitwinkelobjektiv und unspielbar veraltetes Videospiel.

 

Märchen

Gegeißelt von leutseligen Leinen aus Licht, sehne ich mich zurück zu den Märchen, den drei Tropfen Blut im Schnee, oder dem Stich mit der Spindel, zu Rapunzels endlos langen Haaren, und dem trotzigen Mut der im Wald ausgesetzten Geschwister. Zu Rotkäppchen, das vom Weg abkommt und Hans, der unbeschwert in die Armut zurückkehrt. Zu Sterntaler, der alles in den Schoß fällt, weil sie vorher bis auf das letzte Hemd alles selbstlos geteilt hat. Während ich verschwinde in meinen Befürchtungen, mich immer tiefer verstricke in die Lügen, die ich mir über das Leben erzähle. Und alle beginnen mit: ich war einmal.

Grenzen

Allgemein scheint es in der Öffentlichkeit gerade schwierig zu sein, und zunehmend schwieriger zu werden, miteinander zu reden. Gewinnbringend Kontroversen auszutragen. Nach Lösungen und Kompromissen zu suchen, und wenn das nicht gelingt, zwei gegensätzliche Standpunkte zur Kenntnis zu nehmen. Mit Verwunderung, Bedauern, vielleicht auch mit zorniger Enttäuschung, aber ohne nach wenigen Minuten eine Grenze zu ziehen, an der jedes Argument abprallt, weil es nur noch richtig und falsch gibt, aber keinerlei Interesse, warum die Gegenseite offenbar eine andere Sicht auf die Welt hat, oder wenn schon das Interesse nicht da ist, wenigstens Respekt. Die Grenzen in unseren Gesprächen und Köpfen wachsen beängstigend schnell.

(5)

Immer wieder verloren wir uns in Zeilen, die nicht die unseren waren. Aber uns Grenzen vorgaben, Verletzungen zugefügt hatten, und eine unüberwindbare Scheu vor dem Leichtsinn. Vor allem, was uns hätte leicht machen können und unerheblich. Was uns hätte aufheben können.

(4)

Er habe eine Frau gefunden, sagt er, die nichts wegwerfen könne. Alles horte sie, es ist unmöglich, irgendeine Art von Ordnung aufrecht zu erhalten. Abends, oder an den Tagen, an denen er nicht unterwegs ist, erzählt er ihr Geschichten. Aber sie hört nicht zu. Sie hört nur, dass man ihr etwas wegnehmen will. Er versteht nicht, wovor sie Angst hat, aber er ist klug genug, um zu wissen, dass man mit Worten nichts ausrichten kann gegen diese Furcht. Sie spricht selten. Eigentlich klagt sie nur, beschwert sich. Er liebt sie trotzdem. Er weiß nicht warum.

„Was, wenn unsere guten Worte wachsen? Wenn sie den, dem sie gesagt wurden, begleiten, mit ihm reifen und älter werden?“ Er hat ihr diese Frage einmal gestellt, und sie hat geweint, bevor sie die Tür so ungewöhnlich leise geschlossen hat, dass er nicht wagte, ihr zu folgen.

(3)

Sie ist ein kleines, ebenso dünnes wie dummes Geschöpf. Überzeugt davon, dass man die Menschen in bessere und schlechtere einteilen kann. Eine, die zu schnell aufgibt. Eine, die Angst hat, vor den eigenen Worten. Die ständig ich sagt, weil keiner du sagt, zu ihr.