Altern

Das beherrschte Suchen nach Hilfe. Möglichst zurückhaltend. Lautlos. Dieses Paradoxe, aus dem sich manche eine Decke weben können, die warm hält. Oder wenigstens eine Textur. Etwas, das Halt gibt. Vielleicht sogar eine Zeit lang der Verzweiflung standhält.

Seit einigen Monaten zeige ich niemandem mehr, was ich schreibe. Ich frage mich nicht warum. Oder ich suche jedenfalls nicht nach einer Antwort auf diese Frage.

Ich suche nach einer Möglichkeit, anständig, selbstbewusst, mit Würde, zu altern. Ich suche (immer noch!) nach Vorbildern. Ich bin müde von mir selbst und der Unmöglichkeit, mir mein Scheitern wirklich restlos einzugestehen. Ohne dieses Eingeständnis gibt es keine Entwicklung. Nur Stillstand. Und Bedauern. Weniger Erinnerungen als vielmehr Nostalgie. Keine Verzweiflung, nur diese alles vereitelnde Müdigkeit.

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Veröffentlicht in Alter

22 Gedanken zu “Altern

    1. ich glaube manchmal besteht die Aufgabe darin loszulassen, Ansprüche, Erwartungen,und manchmal eben auch Aufgaben, denen man nicht gewachsen ist, weil sie nicht passen, weil es zu spät oder zu früh ist dafür. Für mich hat Scheitern nicht unbedingt eine rein negative Bedeutung. Von Louise Bourgeois gibt es dazu ein schönes Zitat, ich werde das mal heraussuchen und bei Gelegenheit noch etwas zum Scheitern an sich schreiben. Bis dahin Danke für deine Fragen.

  1. Altern, das ist mir in den letzten Wochen immer klarer geworden, ist ein Blick nach vorn. In meine Zukunft. Ich bin ein neugieriger Mensch. Deshalb gibt es für mich zum Altern keine Alternative. Wer alte Menschen unwürdig findet, kann mir getrost gestohlen bleiben. Ansonsten gilt mir auch Scheitern als wesentlicher Teil des Lebens. Ich würde es unerträglich finden, gelänge mir alles. Es zeigt sich vielmehr, Menschen, die nicht (oder lange nicht) scheitern, verschätzen sich zum Teil krass und oft in entscheidenden Momenten. Scheitern zeigt ja meist auch Alternativen (wie das Altern übrigens). Vielleicht hilft es, Kompromisse nicht als Scheitern zu verstehen. Nach meiner Erfahrung gibt es dann eine Menge Alternativen, Möglichkeiten, Wege.

    1. Es gibt keine Alternative, das ist wahr. Für mich ist Altern keine Zukunft mehr, ich stecke mitten drin. Trotzdem habe ich den Weg noch nicht gefunden, es ist als würde ich so hin- und herstolpern, was ich möchte ist aber ein aufrechter Gang, beherzt nach vorne. Das betrachte ich allerdings noch nicht als Scheitern, sondern als Suche. Scheitern wäre in diesem Fall krampfhaft weiter an der Jugend festzuhalten, das Alter und das Altern nicht anzunehmen. Dann erst bleibt diese Lähmung, die blind macht für Alternativen, Möglichkeiten und Wege.
      Interessant finde ich auch den Aspekt der Überschätzung, wenn einer lange genug nicht gescheitert ist. Von dieser Seite habe ich es noch nicht betrachtet. Danke für diesen Denkanstoß.

  2. Wie schön, liebe Elke, wieder von Dir zu lesen! Der Text ist stark und greift nach mir in seiner dunklen Wahrhaftigkeit.
    Die Kunst des Scheiterns ist mir gut bekannt, wie wir alle, so übe ich sie auch schon ein Leben lang; oft halte ich still und ducke mich darunter weg aber manchmal sagt die alte Löwin in mir: wenn Du schon scheiterst, dann grandios … ja, manchmal gelingt es …
    Viele Grüße von Herzen, Margarete

    1. Liebe Margarete, danke für die herzlichen Worte und überhaupt bin ich sehr berührt, dass so viele hier noch lesen, obwohl ich so lange einfach abgetaucht bin. Grandioses Scheitern liegt ganz außerhalb von meinem Möglichkeitsrahmen, fürchte ich, allerdings würde ich genau das gerne einmal wagen. Bislang ist es so ein kleines alltägliches Versagen, das kaum oder nur sehr selten die Erlaubnis von mir erfährt, Scheitern genannt und damit endlich losgelassen zu werden.

  3. Vielleicht eins, ohne privatim sein zu wollen: Die Tatsache, dass ich dich seit gefühlt ewigen Zeiten lesen durfte und deine Texte liebe, dies ist,auf mich bezogen als Leser, kein Scheitern. Weil es mir Gewinn bringt, unumwunden.

    Liebe Grüße

    Achim

  4. Das Leben nehmen wie es kommt, den Augenblick genießen. Aus dem Scheitern, egal in welcher Hinsicht, lernen. Am Altern scheitern? Was heißt das? Heißt das, sich jünger wünschen? Heißt dass, sein Leben auf die Vergangenheit und Zukunft bezogen, nicht lieben?
    Ansonsten schließe ich mich gerne Achim an. Ich lese deine Texte gerne, manchmal still und manchmal mit Kommentar.

    1. Beim Altern scheitern heißt: sich immer noch zu schämen, dafür, dass man alt wird, es heißt noch keinen Weg gefunden zu haben, im Einklang mit dem verwelkendem Körper durch die Zeit zu gehen, ja, das heißt auch sich jünger wünschen, nicht viel jünger, aber ein bisschen jünger. Es heißt die Vergangenheit immer wieder mal zu glorifizieren und damit die Gegenwart abzuwerten, vielleicht auch Angst zu haben vor der Zukunft.
      Danke für die Frage und überhaupt für Deine lieben Worte.

      1. Kennst du den Blog „Advanced Style ab 60 Jahre“? Ich mag den Blog, er zeigt Fotos von modebewussten, lächelden Menschen über 60 Jahre. Ich schaue immer wieder hinein und mir gefällt vor allem, dass mich selbstbewusste Menschen anschauen (scheinbar) mit sich im Einklang.
        Liebe Grüße aus dem sehr, sehr heißen Berlin von Susanne

  5. Ich weiß nicht genau, was für dich Scheitern ist. Ich habe überlegt, was es für mich ist. Jedesmal, wenn ich glücklich sein sollte und dankbar, aber ich das Glück oder die Zufriedenheit nicht innig spüren kann, so sehr ich es mir wünsche. Und jedesmal, wenn ich mich in einer Situation finde, in der ich mich zugehörig fühlen sollte, aber ich es nicht kann, weil da immer diese unsichtbare Wand zwischen den anderen und mir steht. Das ist mein persönliches Scheitern. Und oft, fällt mir gerade auf, gehören beide genannten Punkte zusammen und fallen in ein und dieselbe Situation.

    (Und dann gibt es diese Dinge, die ich mir zu tun wünsche und sie nicht tue. Weil die Angst einfach gewinnt. Auch das ist mein Scheitern).

    1. Das ist eine sehr gute Frage, Sherry, ich glaube wir stellen uns solche Fragen generell viel zu selten, was wir eigentlich meinen mit den abstrakten Begriffen hinter denen wir uns verstecken. Was meine ich eigentlich mit Scheitern? Seit ich Deinen Kommentar gestern gelesen habe, denke ich darüber nach. Und das ist gut. Danke dafür.

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