Die Ignoranz der Sicheren

Am selben Tag an dem die, ausnahmsweise gute, Nachricht von Denzi Yücels Freilassung sich verbreitete, wurden Ahmet Altan und sechs weitere politisch Angeklagte, zu lebenslanger Haft verurteilt. In seinem Text aus dem Gefängnis zitiert er Elias Canetti um die vorsitzenden Richter in seinem Prozess zu charakterisieren.

„In Sicherheit. Mit sich im Reinen. Mächtig. Und dann hören sie das Flehen eines Menschen nicht und sind von vornherein entschlossen, sich taub zu stellen – kann man sich überhaupt gemeiner verhalten?“

Und dann schreibt Altan, wie ihm, während er mit den anderen Angeklagten auf die Verkündung des Urteils wartet, eine Stelle aus seinem Roman einfällt.

„Der Spalt zwischen dem Moment, in dem sich das Schicksal eines Menschen verändert, und dem Moment, in dem er das realisiert, schien ihm der unheimlichste, tragischte Aspekt des Lebens. Die Zukunft ist schon klar, aber der Mensch wartet noch auf eine ganz andere Zukunft mit anderen Erwartungen und Träumen, ahnungslos, dass seine Zukunft längst besiegelt wurde. Die Ignoranz dieser Zwischenzeit war schrecklich und erschien ihm als die größte Schwäche der Menschheit.“ Altan schreibt, dass er zu zittern begann, als er sich an diese Zeilen erinnerte, weil ihm bewusst wird, dass der Roman ihn eingeholt hat, dass er jetzt genau das erlebt, was er einst geschrieben hat.

Das ist grausam. Unvorstellbar. Und vielleicht deshalb frage ich mich, was wir tun können. Wir können seine Zeilen lesen, betroffen sein, sie verbreiten, darüber reden. Aber genügt das? Müsste es nicht mehr geben, was man dem weltweiten Unrecht entgegensetzen kann als Empörung und Empfindsamkeit?

 

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18 Gedanken zu “Die Ignoranz der Sicheren

  1. O, wie gut, dass du daran erinnerst! Ich zittere, indem ich es lese. Unsere Politiker scheinen sich ja beruhigt zu haben und dem türkischen Regime alles in den Rachen zu schieben, was es beruhigen kann, um die guten Geschäftsbeziehungen nicht zu gefährden und den Tourismus wieder anzukurbeln. Auch die Medien haben ihre nicht mit einem deutschen Pass gesegneten Kollegen offenbar vergessen. Was tun? Was kann man nur tun?

    1. Meinst du wirklich? Das klingt sehr pessimistisch. Sind wir nicht fähig zur Empathie, auch wenn wir den Schrecken, das Leid sicher nicht voll ermessen können, solange wir es nicht selbst erleben?

      1. Wir schauen im konkreten Fall auf die Türkei, dass hier im Land bereits Ähnliches vorgeht, wird geflissentlich ignoriert. Man wähnt sich sicher und ist mit sich im Reinen, man schwimmt im Strom. Wen es erwischt, der ist selbst schuld. Warum hat er auch den Mund aufgemacht?
        Irgendwann trifft es auch die, die schweigen.

      2. das ist was ich meine. Es ist viel leichter sich zu empören, als sich wirklich mit den Sachlagen und den komplizierten oder jedenfalls verborgenen? ignorierten Zusammenhängen auseinander zu setzen. Vielleicht kann man da ansetzen, sich besser informieren, sachlich bleiben und aufklären, soweit das geht.

  2. Ist das natürliche Grundsicherheitsgefühl erschüttert, ist es kaum wieder zu heilen, las ich heute.

    Und jetzt dein Text.

    Und ja, mir geht oft ähnliche Gefühle & Gedanken durch den Kopf. Was können wir tun? Da sind so viele politische Baustellen und das macht mich oft so hoffnungslos.

    Ob es wirklich Ignoranz ist? Bei mir eher (leider) Resignation.

    1. Meinetwegen können wir es auch Resignation nennen, es kommt ja nicht auf den Begriff an, sondern darauf, zu überlegen, ob es nicht doch Möglichkeiten gibt, zu handeln, etwas zu bewegen, und wenn es nur ganz ganz kleine Bewegungen sind, die wir auslösen können. Wenn wir alle nachdenken, miteinander, statt zu ignorieren oder zu resignieren, dann wird sich etwas bewegen, irgendetwas, vielleicht so klein, dass wir es nicht sehen und wahrnehmen, aber es wird trotzdem geschehen, das ist gerade meine Hoffnung.

      1. ich denke, du hast recht. Die allerkleinsten Bewegungen können sich, wenn sie kumulieren, zum Sturm ausweiten. Und auch, wenn nicht: für die grad unmittelbar Betroffenen ist nichts schlimmer, als sie in den Topf des allgemeinen „wir können ja doch nichts ausrichten“ zu werfen. Schenken wir ihnen jedenfalls unsere Aufmerksamkeit, unser tief empfundenes Mitgefühl. Und auch unsere Dankbarkeit, dass sie uns aufwecken, sei es auch nur für kurz, aus unserem stumpfen Sicherheitsgefühl. Ich finde nicht, dass das nichts ist. Gedanken haben Kraft. Und sie erinnern uns daran, dass wir, alle Menschen, in unserem Wurzelbereich einander verbunden sind.

  3. Auch ich bin aufgewühlt…. auch ohnmächtig und hilflos. Jeder Versuch Scheuklappen anzulegen misslingt, wir müssen weiter hinschauen, müssen laut darüber reden. Auch ich habe vernommen, dass wieder munter Reisen gebucht werden in dieses Land, wo Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Danke Mützenfalterin, dass du wachrüttelst. Marie

  4. Ich denke in diesem Punkt so, wie du und Gerda es in eurem Dialog darstellt, es sind kleine Bewegungen, Mitgefühl, Aufrichtigkeit, sowie die Möglichkeit Informationen weiterzugeben, die etwas bewirken. Ich mag das Wort Graswurzelbewegung von Henning zu Henningsheim, die auch die Verbundenheit der Menschen in ihren Wurzeln ausdrückt, so, wie es Gerda darstellt und wovon ich eben auch überzeugt bin. Resignation entsteht meines Erachtens immer dort, wo wir an den großen Wurf denken oder ihn wollen, der ist aber erst einmal nicht drin!
    Immer wieder nehme ich die große Schere der Mächtigen in dieser Welt und den handelnden Menschen wahr, es gibt viele gute Menschen auf dieser Welt und es gibt unsägliche Despoten, die diesen Menschen das Leben vergällen. Widerstand hat viele Formen.
    Danke für deinen Artikel,d er viel in mir anstößt.

  5. Immer wieder kreist in meinem Kopf dieser furchtbare Vergleich, den man in Deutschland so nicht ausprechen darf: Der Untote, ein Dämon, der wieder geboren wurde, jetzt ist er in Gestalt eines Erdogans geschlüpft, mit Gefolge, blindwütig. Der Untote ist eine Hydra, andere folgen, schliessen sich an. Völkermörder, Eiferer, alle kommen sie wieder und haben aus der Geschichte nichts gelernt…

  6. Hat dies auf ilseluise rebloggt und kommentierte:
    „Der Spalt zwischen dem Moment, in dem sich das Schicksal eines Menschen verändert, und dem Moment, in dem er das realisiert, schien ihm der unheimlichste, tragischte Aspekt des Lebens.“

    Mein Herz und Seele und Verstand zittern, wenn sie das an sich ranlassen.

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