Die Ignoranz der Sicheren

Am selben Tag an dem die, ausnahmsweise gute, Nachricht von Denzi Yücels Freilassung sich verbreitete, wurden Ahmet Altan und sechs weitere politisch Angeklagte, zu lebenslanger Haft verurteilt. In seinem Text aus dem Gefängnis zitiert er Elias Canetti um die vorsitzenden Richter in seinem Prozess zu charakterisieren.

„In Sicherheit. Mit sich im Reinen. Mächtig. Und dann hören sie das Flehen eines Menschen nicht und sind von vornherein entschlossen, sich taub zu stellen – kann man sich überhaupt gemeiner verhalten?“

Und dann schreibt Altan, wie ihm, während er mit den anderen Angeklagten auf die Verkündung des Urteils wartet, eine Stelle aus seinem Roman einfällt.

„Der Spalt zwischen dem Moment, in dem sich das Schicksal eines Menschen verändert, und dem Moment, in dem er das realisiert, schien ihm der unheimlichste, tragischte Aspekt des Lebens. Die Zukunft ist schon klar, aber der Mensch wartet noch auf eine ganz andere Zukunft mit anderen Erwartungen und Träumen, ahnungslos, dass seine Zukunft längst besiegelt wurde. Die Ignoranz dieser Zwischenzeit war schrecklich und erschien ihm als die größte Schwäche der Menschheit.“ Altan schreibt, dass er zu zittern begann, als er sich an diese Zeilen erinnerte, weil ihm bewusst wird, dass der Roman ihn eingeholt hat, dass er jetzt genau das erlebt, was er einst geschrieben hat.

Das ist grausam. Unvorstellbar. Und vielleicht deshalb frage ich mich, was wir tun können. Wir können seine Zeilen lesen, betroffen sein, sie verbreiten, darüber reden. Aber genügt das? Müsste es nicht mehr geben, was man dem weltweiten Unrecht entgegensetzen kann als Empörung und Empfindsamkeit?

 

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