Alle Erklärungen sind Lügen

Alle Erklärungen sind Lügen. Beschwichtigungen, die uns beruhigen, einlullen sollen.

Als ich meine Diplomarbeit über das Sterben, über den Tod und die menschliche Konstruktion dieser Begriffe und Vorgänge schrieb, wusste ich jeden Tag weniger vom Tod, vergaß mit jeder Seite, die ich schrieb, dass ich sterblich bin.

Es war Soziologie. Es waren Zeitzeugnisse. Viele Notizen, und wenn ich Glück hatte, ab und zu ein paar Verbindungen, die sich aufdrängten.

Es waren Termine bei den Betreuern, der immer näher rückende Abgabetermin, mein Tischapparat in der Universität, und die Entscheidung für ein blassgelbes, oder eher beige-gelbes Deckblatt im Copyshop.

Später habe ich behauptet, der Tod habe mein Leben lang so eine große Rolle gespielt; mein kranker Vater, der starb als ich fünf war, der schleichende Selbstmord meiner Großmutter, der vollendet war, als ich gerade zehn Jahre alt geworden war, der plötzliche Unfalltod meiner Mutter zwölf Jahre später, mein Großvater, der sich zwei Jahre danach erhängte. Ich bildete mir selbst ein, dass ich all diese Todesfälle mit einer wissenschaftlichen Arbeit bewältigen wollte. Aber das ist Unsinn. Ich wollte sie vergessen, ich wollte sie wenigstens so weit von mir wegrücken, dass ich halbwegs normal, halbwegs unbeschwert leben konnte. Und irgendwie hat diese Lüge funktioniert. So gut, dass ich jetzt, zwei Jahrzehnte danach, erkennen kann, dass es eine Lüge war. Wie alle Erklärungen Lügen sind. Wie auch diese Behauptung eine Lüge ist. Und das einzige, was zählt ist der Unterschied zwischen den Lügen, die funktionieren, und den anderen, an die wir umso beständiger glauben, je weniger sie funktionieren.

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8 Gedanken zu “Alle Erklärungen sind Lügen

  1. So weit würde ich nicht gehen. Erklärungen sind Versuche, das Unbegreifliche auf Kopfformat zurecht zu rücken. Meinetwegen auch stutzen. Wenn ich nach Erklärungen suche, kartographiere ich unbekanntes Terrain. Eine Landkarte ist auch keine Lüge. Sie ist eine Verkürzung.

  2. Hi,
    „all diese Todesfälle mit einer wissenschaftlichen Arbeit bewältigen“ …
    ich sehe es so: das ist keine Lüge.

    ‚Todesfälle bewältigen‘ muss nicht zwangsläufig bedeuten,
    sich ihnen zu stellen, sich mit ihnen auseinander zu setzen,
    sie in in einer Therapie oder sonstwie aufzuarbeiten.

    Auch Vergessen, Verdrängen, Abstand gewinnen
    sind für mich Formen der Bewältigung –
    Selbstschutz für die Seele,
    der seine Zeit hat und sein Recht.

    LG, und noch alles Gute für 2018
    und viel Glück und viel Segen,
    Hiltrud

  3. Bis zu einem gewissen Grad teile ich diese deine Gedanken, wenngleich ich ahne, dass es noch Zwischentöne geben muss und Ausnahmen.
    Bereiche, die sich nicht fassen lassen. Wo fängt Wahrheit wirklich an und kann etwas nicht zugleich wahr und unrichtig sein? (Wiedermal fühle ich etwas, das icb nicht erklären kann.)

    Dein Text ist sehr anregend, Danke!

  4. Den Schmerz um den Tod geliebter Menschen schreibend abzuarbeiten ist für mich eine Form von Resilienz. Warum entwertest Du, was Du damals forschend für Dich und andere geschaffen hast? Forsche einfach weiter. Die Frage trifft uns alle, ist lebenslang.

  5. Sehr gerne gelesen.

    Kleines Gedankenspiel: Vielleicht glauben wir um so beständiger an die Lügen, die nicht funktionieren, weil wir sie uns immer wieder wiederholen müssen, um sie vielleicht doch noch zum Funktionieren zu bringen. Damit verfestigen sie sich nur noch mehr als die weniger oft angerührten „zuverlässigen“ Lügen – auf die ist immerhin Verlass?

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