Kinderbewahranstalt

Konrad Felixmüller – „Kinderbewahrantalt“

In diesem Haus werde ich verwahrt, bis die Zeit gekommen ist, da man vielleicht eine Verwendung für mich finden wird. Bis dahin werde ich im leeren kalten Haus verwahrt. Natürlich ist das Haus nicht wirklich leer, es gibt sogar mehr Kinder als Betten. Nur wo ich bin, ist diese Leere. Niemand kommt mir nah. Alle stehen in Gruppen zusammen und werfen mit ihrem Gelächter und ihren Blicicken nach mir.

Ich weiß, dass sie sagen, ich sei hässlich, meine Haare seien aus Stroh, ich würde stinken und überhaupt hat etwas wie ich retlos keine Berechtigung auf der Welt zu sein.

Darum laufe ich weg. Ich komme nie weit, dann treiben mich Hunger und Kälte zurück. Aber draußen, wenn der Schnee unter meinen Füßen knirscht, wenn ich den Rauch aus den Schornsteinen fremder Häuser grau in den schwarzen Himmel aufsteigen sehe,habe ich manchmal das Gefühl, die Erde hat nichts dagegen, dass auch ich auf ihr herumlaufe, und es könnte vielleicht doch irgendwo auf der Welt jemanden geben der sogar so ein Geschöpf wie mich mag.

Ich hüte dieses Geheimnis gut, und tatsächlich sehen die Lichter in den Fenstern der Verwahranstalt, zu der ich zurückkehre, eine Zeit lang warm und heimelig aus.

Wenigstens so lange, bis ich über die Schwelle getreten bin.

 

Advertisements

6 Gedanken zu “Kinderbewahranstalt

  1. Felixmüller war einer der sozialkritischen expressionistischen Maler, die während des sogenannten 3. Reiches verfehmt wurden. Fast sein ganzes frühes Werk wurde als „entartet“ bezeichnet und vernichtet. Zum Glück lebte er lange genug, um ein neues zu schaffen.
    Schön, dass du ihn und sein Anliegen mit deiner Geschichte ehrst.

    1. Ich habe das Werk in der Ausstellung „Der böse Expressionismus“, die gerade in der Kunsthalle Bielefeld stattfindet, wiedergesehen. Immer wieder spricht es mich sehr direkt an. So musste ich einfach nur zuhören, was es mir gesagt hat.

  2. Mit einem expressiven Text ein expressives Bild be-schichten*: Das ist dir wahrlich gelungen. Ein düsteres Szenario.

    *eine Geschichte aus den einzelnen Bildschichten kreieren (mir fehlen mal wieder die Worte).

    1. Vielen Dank! Ja, es ist trotz der wunderschönen Farben ein sehr düsteres, trauriges Bild. Gerade weil es so viel über die Wirklichkeit aussagt. Nicht nur damals, sondern leider immer noch.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s