Ins Blaue

Die Übermacht der Tatsachen, die das „Ausdenken“ verhindern, schreibt Handke in „wunschloses Unglück“ über seine Mutter. Man beachte, dass er nicht Phantasie schreibt, sondern Ausdenken. Ein Begriff, in dem der Ausweg steckt, eine Möglichkeit aus der festgefahrenen Situation herauszukommen, eine Situation, die eigentlich erst durch die Verhinderung des Ausdenkens aussichtslos wird.

Und meine Mutter? Spätestens nach dem verfrühten Tod meines Vaters, diesem für sie unfaßbaren und unüberwindlichen Unglücks, sah sie sich sofort in einer aussichtslosen Lage. So aussichtslos, so erdrückend und allumfassend aussichtslos, dass sie zu trinken anfangen musste. Denn schließlich musste sie trotz allem irgendwie funktionieren. Da war ja noch das Kind. Nicht ihr Kind. Nicht sein Kind. Aber eines, das eine kurze unwiederholbare und unüberwindbare, Zeit lang alles nahezu perfekt gemacht hatte. Die grauen Haare, die das Kind nicht störten, der Traum von einer eigenen, richtigen, heilen Familie.

Dann die Briefe, die sie ihm während seines Kuraufenthalts schickte. „Es spricht die ersten Worte, läuft wacker an meiner Hand.“ Seine Beteuerungen, wie sehr er sie beide vermisse, dass er Fortschritte mache.

Lügen, an die sie glauben mussten, um die Hoffnung nicht zu verlieren.

Später als die Hoffnung endgültig verloren war, nur noch Funktionieren.

Und wenn nichts half, nicht die tröstenden Worte der Schwägerin, nicht die großen vertrauensvollen Augen des Kindes, war da der Alkohol. Die Flucht.

Ihr Ausweg ins Blaue.

Advertisements

9 Gedanken zu “Ins Blaue

  1. Wir sind so verdammt zerbrechlich. (Wohl scheint Alkohol diese Brüche erträglicher zu machen.)
    Ein Text, der unter die Haut geht.

    Apropos Ausdenken: Vor vielen Jahren habe ich mir mal meine nächste Zukunft ausgedacht. Einiges hat sich erfüllt, aber das Wichtigste, Heilsamste war tatsächlich das Ausdenken und Aufschreiben.

  2. Es gibt so traurige Lebensläufe. Und es ist verwunderlich, dass der Mensch nicht darunter wegbricht. Sondern Wege findet zu überleben. Er wird nicht mehr heil, aber nimmt das Leben wieder auf. Beschädigt bleibt er – und alle Mitbetroffenen – aber für immer.
    Wir sind beschädigte Menschen. Ich habe mehr als zehn Jahre noch nach ihrem Tod gebraucht, um ein Verständnis für meine Mutter und ihren Alkohol zu entwickeln.

    „Ins Blaue“ ist ein so trauriger Text, gleichzeitig spüre ich regelrecht unbeugsam das Verständnis, das die Tochter der Mutter entgegenbringt. Vielleicht eine Erkenntnis nach Überwindung all der anderen Verhaltensweisen, mit denen wir versuchen, mit solchem Trauma umzugehen.
    Es wird so klarsichtig beschrieben, als sei nun endgültig ein Schleier weggezogen.
    Und ich glaube, trotz der beinah sachlichen Beschreibung, auch eine Zuwendung zu spüren.

  3. im „ausdenken“ steckt für mich auch ein aspekt von zeit: zeit haben oder sich nehmen oder geben – zeit, so lange zu denken über oder an etwas, bis „es“ eben aus ist, erschöpft, fertig, leer, vollbracht, vollendet. das glas austrinken. den kelch …
    dank für den text und lieben pegagruß!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s