Sisyphos

Ein Insekt, in Bernstein verewigt, gefangen, auf eine lebendige Art tot, während die auf dem Küchentisch liegen gelassene Uhr tickt, und ich wünschte, ich könnte die Ratschläge, die ich anderen gebe, selbst beherzigen. Beherzigen klingt wie Bergziegen. Bei Ziegen denke ich an die zwei kostbaren Besuche mit M. im Berliner Zoo und bei Berg an Sysiphos (den ich nie richtig schreibe) und seinen Stein, den er immer wieder, jedes Mal aufs Neue, vergeblich den Berg hinauf rollt. Vielleicht ist genau das ein Sinnbild für unser Leben; jeden Tag die Vergeblichkeit bezwingen, oder aber unsere Pflicht tun, Aufgaben annehmen, ausführen, von denen wir von Anfang an wissen, sie sind zum Scheitern verurteilt. Ist Sisyphos ein glücklicher Mensch (ich glaube Camus hat das behauptet), oder ist er bemitleidenswert? Ein Pechvogel? Ein Opfer? Und was ist das eigentlich für ein dämliches Wort „bemitleidenswert“. Als hinge das Mitleid von einem Wert ab. Erst ab einem bestimmten Wert von Unglück, Leid, Benachteiligung ergibt sich eine Berechtigung zum Mitleid, bedauert zu werden, sind andere aufgefordert, Mitgefühl zu zeigen.

Ich aber sage euch: keiner versteht den Schmerz eines anderen und doch: wer sich öffnet – dem Leid ebenso wie dem Glück, sich selbst ebenso wie die anderen – der wird belohnt werden.

Advertisements