Behauptung

Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst. Ich bin gerettet. Deine Worte sind verloren. Ich bin ein Nachahmer, der jeden Satz mit ich beginnt. Jemand, der sein leeres Tagebuch sorgfältig versteckt. Ich trage schwer an der Behauptung, mich nicht an meine Träume erinnern zu können. Diesen Traum, in dem Feuer vom Himmel fällt. Und eine sterbende Mutter noch einmal die Hand nach mir ausstreckt.

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Das Kind

Vielleicht bin ich verwechselt worden, dachte das Kind, und seine Mutter erzählte ihm Geschichten des eigenen Fremdseins als Kind unter den Geschwistern, um ihm nah zu sein, um Gemeinschaft zu schaffen. Von der Überwindung des Fremdseins, davon, wie es geht ein Zuhause zu finden, eine Heimat, einen Platz und Menschen zu denen man gehört, davon erzählte sie nie. Dem Kind ist das nie aufgefallen. Oder vielleicht hat es das sehr wohl bemerkt, nur nicht mit dem Bewusstsein mit dem man Fragen stellt, und Widersprüche oder Bedürfnisse ausspricht, erfasst, aber mit dem Unbewussten. So dass es diese Tatsache jetzt, viele, viele Jahre später, zu Papier bringen kann. Immer noch mit der Frage beschäftigt, wer es ist.

II

Vermutungen, Feststellungen, Tatsachen. Einer redet, alle nicken, aber niemand hört ihm zu. Die Bedeutungen und dass sie nie mehr als Versuche sein können. Der Weg, der ohne Stolpern nicht beschritten werden kann.

I

Die Wahl, der Topf mit Gemüse, die Aufrichtigkeit. Es mangelt und fehlt. Am einen und am anderen. Ich bevorzuge kurze Sätze. Im Postkasten liegen Rechnungen und die Aufforderung, meine Organe zu spenden. Der Tod ist näher als ich glaube, und ich nicht im geringsten aufgebracht. Ich lese weniger als früher. Im Allgemeinen bin ich weniger gründlich.

Es gibt ein Schulamt und ein Aufsichtsamt. Und mich. Das Wasser läuft durch den Filter mit dem gemahlenen Kaffee. Rohmilch ist jetzt im Trend. Die Zeit vergeht. Alles ändert sich. Es gab Träume, aber ich erinnere mich nicht.

24. September

Ich lese zu wenig. Und je weniger ich lese, umso weniger verstehe ich.

Ich glaube nicht, dass man sich richtig verhalten kann, zu dem Unrecht, das ständig irgendwo auf der Welt geschieht. Aber das ist kein Grund, es nicht weiter zu versuchen.

Grausamkeit

Natürlich ist es nicht so einfach. Es ist nicht so, dass jemand daher kommt und sagt: Fürchte dich nicht, du bist in Sicherheit, und auf einmal überkommt dich eine überwältigende Ruhe und Gelassenheit, so dass du plötzlich ruhig, besonnen, tiefgründig und sinnlich über all diese Dinge schreiben kannst. Über die Seiten an dir, die du verachtest, für die du dich schämst, die du dir auch Jahre später nicht vergeben kannst. Über deine Niedertracht und Feigheit, darüber wie du Wesen, die sich nicht wehren konnten, gequält hast. Über dieses Böse, das von Anfang an in dir gewesen ist. Dass du häufig erfolgreich niedergerungen hast, aber manchmal eben auch nicht. Wie du als Kind den Hund, den du dir so sehr gewünscht hast, malträtiert hast. Vielleicht, könnten manche sagen, nur deshalb, weil du es nicht besser gewusst hast, du warst ja noch ein Kind, und wusstest nicht, was du tust. Aber da waren die Schreie des Hundes, sein Jaulen, seine vor Schreck geweiteten Augen, und natürlich hast du spätestens in diesem Moment verstanden, was du tust. Aber aufgehört hast du nicht.