Traum

Da war diese Frau, an die ich mich so klar erinnere, wie an einen Traum, die jederzeit bereit war, Verschwendung über uns, über die Zeit, über alles, was lebte, zu gießen. Sie lebte in einem Haus, in dem niemals irgendetwas beschnitten wurde. Alles sollte wuchern und blühen. Uferlos, grenzenlos. Nur ihr Kind, ein bemerkenswert zähes und widerständiges Mädchen, jätete manchmal das, was sie für Unkraut hielt. Dieses Kind hatte eine Fensterbank in der Küche für sich beansprucht, auf der es in kleinen Tontöpfen winzige Setzlinge pflanzte, die es Zorn, Mut, Zuversicht und Vergebung nannte. Es pflegte diese Pflänzchen möglicherweise besser und liebevoller als es selbst von seiner Mutter gepflegt worden war, die ihr jeden Tag den selben Teller vor die Nase setzte, einen Teller mit sieben Zwergen am Rand und einem Schneewittchen in der Mitte. Sie hasste diesen Teller ebenso sehr, wie sie den Apfelbaum draußen im Garten liebte. Jeden Tag harkte sie die Erde um diesen Baum herum, durchzog sie mit feinen Linien, bis es aussah als stände der Baum am Ende eines raffinierten Labyrinths, das allein sie durchschaute. Der Teller war aus feinstem, kostbaren Porzellan. Vielleicht das Wertvollste, was es gab in ihrem Haushalt. Eines Tages beschloss das Mädchen, den Teller in der Nähe des Baumes tief in der Erde zu vergraben. Sie stellte sich vor, wie dort unter der Erde mit Hilfe der Wurzeln ihres geliebten Baumes, alles verwandelt würde, die sieben Zwerge würden zu den sieben Fliegen auf dem Marmeladenbrot des tapferen Schneiderleins und Schneewittchen würde sich in einen Elefanten verwandeln, sie würde alles ernten, wenn es lange genug unter der Erde kompostiert worden war. Die Füße in der Luft, würde sie ihre Träume aus dem Boden pflücken.

Schon bald.

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5 Gedanken zu “Traum

  1. „Die Füße in der Luft, würde sie ihre Träume aus dem Boden pflücken.“ ein schönes Bild!
    danke für diese Geschichte, die ich insgesamt sehr mag!
    herzlichst
    Ulli

  2. die Verwandlung der Zwerge, wenn man sie eingräbt, in Fliegen auf dem Marmeladenbrot des tapferen Schneiderleins – das lass ich mir jetzt mal auf der Zunge zergehen (nein, nicht das Marmeladenbrot, sowas esse ich nicht mehr, seit ich als Jugendliche in einem Camp war, wo jeden Morgen große Teller mit Marmelade bereitstanden, damit sich die Wespen darin tummeln konnten. Und die jungen Leute nahmen ihre Messerchen und schlachteten die verklebten Wespchen, schafften einen Mischmaschbrei aus Wespen und Marmelade.. . Lost memories. ….

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