Brief

Ich schrieb mir selbst einen Brief, der unmöglich zu entziffern war. Bleib bei mir, schrieb ich, lauf nicht ständig vor mir weg. Ich erinnere mich an dich, wie wir schwerelos hin- und herschaukelten, im dunklen Bauch deiner Mutter und doch hast du schon damals angefangen, mich zu vergessen. Ich sah dich älter werden, ich sah, wie du dich immer weiter vom Ursprung entferntest, auf der Suche nach mir. Ich war immer auf der anderen Seite. Suchtest du mich in der Tiefe, schwebte ich über dir. Suchtest du mich mit Ernst, war ich bereit mich zu offenbaren im Spiel. Ich war immer auf der anderen Seite. Ganz nah. Und unsichtbar. Jetzt schreibe ich mir einen Brief und hoffe, du bringst mir das Lesen bei. Denn ich bin müde. Müde nach Hoffnung zu suchen. Müde von all dem gestern, das sich mit Entschiedenheit vor mein Heute stellt.

 

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6 Gedanken zu “Brief

  1. …Müde von all dem gestern, das sich mit Entschiedenheit vor mein Heute stellt…. Wie ich mich darin wiederfinde! Ich habe gefühlte hundert Jahre Psychoanalyse betrieben, und mich weniger gefunden, als ganz in der Vergangenheit verloren. Mein Partner hat mich in all der Zeit vermisst, im hier und heute – und ist gegangen. Jetzt erinnere ich mich an unsere Zeit, und verpasse das Heute. Heute ist das Gestern von morgen, ich will es nicht nur in Gedanken erleben.

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