Melodie

Alles, was sie sagte, hatte eine bestimmte Melodie. Ich war so süchtig nach dieser Melodie, dass ich mich nach Kräften bemühte, den Inhalt ihrer Sätze zu überhören. Sie warf mir vor, ihr nicht zuzuhören, was gleichzeitig wahr und weit von der Wahrheit entfernt war.

Erzähl mir von deiner Kindheit, sagte sie, und ich konnte nur daran denken, wie die Mondlandung der Apollo 11, mir den Mann im Mond gestohlen hatte, wie diese Bilder meine Kindheit so weit beschädigt hatten, dass ich mich gezwungen sah, erwachsen zu werden, oder jedenfalls in dieses sehr undurchsichtige Gebiet der Adoleszenz aufzubrechen. Ich nahm es meinen Eltern persönlich übel, dass sie mich nicht vor diesen Bildern geschützt hatten und redete wochenlang nicht mit ihnen

„Ich hatte keine Geschwister. Meine Eltern sind heute noch miteinander verheiratet“, sagte ich. Natürlich war sie enttäuscht. Vielleicht war sie überhaupt nur mit mir zusammen, um enttäuscht zu werden.

Die Kaffeemaschine gab in unregelmäßigen Abständen Knackgeräusche von sich. Schritte aus dem Treppenhaus näherten sich der Tür und verstummten wieder. Ein Hund bellte. Ein Kind schrie. Sie trank ihren Kaffee in sehr kleinen Schlucken. Ich wurde nervös. Sie schwieg beharrlich. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus. Ich wollte diese Melodie wieder hören. „Ich möchte dich meinen Eltern vorstellen“, sagte ich, „lass uns am Wochenende zu ihnen fahren.“

Sie riss die Augen auf, starrte mich an. Dann brach sie in unbändiges Gelächter aus. Und als sie endlich wieder sprach, war die Melodie verschwunden.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Melodie

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s