Sieben

Wir schieben uns der Zeit in den Rücken.

Wie die Orte uns verändern. Auch wenn das eine Lüge ist. Behauptung. Und was das bedeutet. All dieses „be“ als Vorsilbe und wie ich schließlich ganz verzweifelt bin, weil kein Wort das aussagte, was ich eigentlich fühlte. Weil ich mich bestenfalls in Zitaten längst gestorbener Männer und Frauen wiederfand. Die Dekadenz des Begreifens. Und wie ich dann doch wieder zur Flasche gegriffen habe. Nur um wenigstens eine kurze Zeit lang zu verschwinden, aufgehoben zu werden.

Als Kind wollte ich immer einer der sieben Zwerge sein, nie Schneewittchen, oder der Prinz. Die Zwerge veränderten sich nicht. Eine Zeitlang mussten sie ihre Teller und Betten mit Schneewittchen teilen, aber alles andere blieb wie es immer gewesen war. Sie arbeiteten im Bergwerk. Sie kamen nach Hausse, um zu essen und zu schlafen. Am nächsten Tag gingen sie erneut zur Arbeit. Statt über das Wetter redeten sie eine Weile über Schneewittchen, die sich erst umbringen und dann heiraten ließ, aber sie führten genau dasselbe Leben. Das schien mir viel erstrebenswerter als all die gewaltigen Veränderungen der anderen Märchengestalten. Und so musste meine Mutter mir immer wieder Schneewittchen vorlesen und ich malte danach die Zwerge. Die Zahl sieben war die erste Zahl, die ich schreiben konnte.

Thomas Bernard hat in irgendeinem Interview, vielleicht auch in einem seiner Bücher, gesagt, er sei an keinem Ort so glücklich, wie auf der Reise, unterwegs von einem Ort zum anderen. Das habe ich mir gemerkt. Weil es sich so anfühlte wie die Zwerge. Es hat nichts miteinander zu tun, außer dass es mir das gleiche Gefühl vermittelt. Das Gefühl, verstanden zu werden.

Wie immer von Leuten, die lange schon tot sind.

Später, das lebte meine Mutter schon nicht mehr, und ich hatte meine Vorliebe für die Zwerge im Märchen von Schneewittchen vergessen, fragte mich mein eigenes Kind, was das bedeutet: „einsam sein“.