Aufrichtigkeit

Es gelingt mir nicht, mir so lange selbst Fragen zu stellen, bis ich das Gefühl habe wenigstens in die Nähe von Aufrichtigkeit zu kommen. Es gelingt mir auch nicht, ehrlich und echt zu sein, ohne mich vorher zu fragen, wie dieses Verhalten bei meinen Mitmenschen ankommen wird. Es ist als würde mir das, was wir gemeinhin „ich“ nennen, nicht gelingen, während ich es andererseits nicht los werde. Es holt mich ein, stellt sich mir in den Weg, will ebenso beachtet wie überwunden werden, und eigentlich passiert alles mögliche mit diesem „ich“, außer dass es sich in meinen Dienst stellen lässt, mit mir zusammen arbeitet. Es verhindert, um es kurz zu machen, jegliche Absichtslosigkeit.

Wäre ich ein Roman, bestände ich aus unzähligen Anfängen, unzusammenhängenden Fragmenten, und gleichzeitig wäre in jedem Satz dieser Wille unüberhörbar, alles abzudecken, alles nicht nur richtig, sondern auch lückenlos vollständig zu machen.

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6 Gedanken zu “Aufrichtigkeit

  1. Das kenne ich gut. Kurioserweise – ich glaube nicht an Zufälle – habe ich gestern Abend in meinen Abendseiten (2 Seiten raus schreiben ohne zu denken, wie die Morgenseiten) eine sehr ähnliche Schwierigkeit herausgeschrieben und heute früh sehe ich deine Gedanken.

    Dieser Perfektionismus, den man da hat ist wie eine Waffe, die man auf sich selbst richtet. Das ist ungewollt, aber man „will“ auch nicht perfekt sein, das hat sich irgendwann aus den Umständen heraus eingeschlichen („perfekt“ für die Mitmenschen sein zu müssen, also z.B. die Frage wie ein Verhalten ankommt) und war unter den jeweiligen Umständen dann vielleicht auch nützlich um nicht kaputt zu gehen, aber eben danach nicht mehr und ist dennoch geblieben, weil es sich sicher anfühlte. So was ist schwer, gerade weil man ja ab irgendwann weiß, dass es destruktiv ist und beginnt sich zu fragen, was denn nun eigentlich „ich“ ist und wie man das alles zusammenführen kann. Das dreiste daran ist, es gibt keine sichere Lösung, die man so sehr bräuchte um nicht fürchten zu müssen, dass man zerfällt und diese Furcht (man beachte was passiert, wenn man in dem Wort einen Buchstaben umstellt) treibt dann wieder das Karussell an, dass einem das Echtsein gegenüber anderen (so wie man es selbst versteht) misslingt.

  2. Neben dem Willen gibt es dieses Andere in uns, das mehr weiss und mehr kann, als das, was wir wollen. Selbstvergessenheit bahnt jenem Anderen den Weg… So, denke ich, entsteht Kunst.

  3. So ein gelebter „Perfektionismus“ , wie du ihn hier beschreibst, erscheint mir, wie eine Art Stellvertreterthema für die Angst.
    Man kann sich dahinter gut verstecken, ihn als Grund für sich selbst vorschieben.

  4. Du hast da Gedanken und Wahrnehmungen, die ich ähnlich auch schon dachte so genial in Worte gepackt, dass ich echt nur staunen. Wärst du ein Roman, würde ich dich sehr gerne lesen.

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