Denken lernen

Aber man muss nicht allzu weit denken, um zu begreifen, dass Maler und Bildhauer in den wichtigen und charakterbildenden Jugendjahren nicht aus diesem Grund all ihre Zeit darauf verwendeten, andere Künstler zu kopieren oder rein mechanisch Modelle oder Gegenstände wiederzugeben. Das ist das Wichtige in der Kunst und der Literatur überhaupt, und es gibt nahezu niemanden, der es kann oder auch nur davon weiß, weil es nicht länger vermittelt wird. Heute glaubt man, Kunst sei mit Vernunft und Kritik verbunden, es gehe um Ideen, an den Kunstschulen wird Theorie gelehrt. Das ist ein Verfall, kein Fortschritt.

Karl Ove Knausgard, „Kämpfen“, S. 334

 

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4 Gedanken zu “Denken lernen

  1. Sorry, das verstehe ich jetzt nicht so richtig. (Vielleicht müsste der Ausschnitt länger sein.)

    Ich verstehe nicht, auf was sich „Das ist das Wichtige in der Kunst und der Literatur überhaupt, und es gibt nahezu niemanden, der es kann oder auch nur davon weiß, weil es nicht länger vermittelt wird.“ bezieht. Aufs Kopieren wohl kaum?

    Magst du es ein bisschen aus deinem Verständnis interpretieren? Danke.

  2. Doch, es bezieht sich durchaus aufs Kopieren, auf das Erlernen des Handwerks, auf Begeisterung und was Vorbilder leisten können, für mich korrespondiert es sehr mit einen Satz Olga Martynovas: „Bewundere Deine Kollegen. Skepsis kann jeder ausüben. Begeisterung ist schwieriger. Skepsis formt dein Bewusstsein. Begeisterung erweitert es.“

  3. Gute Handwerker können sich kompromisslos für eine adäquate Form entscheiden, ohne mogeln zu müssen. Handwerk macht frei.
    Vernunft und Kritik ohne adäquate Umsetzung endet als intellektuelle Anmassung und didaktischer Kitsch. Auf der hiesigen Documeta zum Beispiel ist m. E. viel Didaktik und wenig „Kunst“ zu sehen (gut gemeint, aber schlecht gemacht).
    Trotzdem: Es gibt unter den anerkannten, zeitgenössischen Künstlern auch sehr gute Handwerker. Und es gibt immer noch die Möglichkeit, sein künstlerisches Handwerk zu lernen. Die Welt ist groß. Diesbezüglich stimme ich mit K. nicht überein.

    1. Ja, natürlich, die Welt ist wirklich groß, nur die Grenzen mit denen wir sie ansehen, sind manchmal zu klein. Und natürlich gibt es sehr gute Handwerker, absolut! Aber ich sehe schon dieses Phänomen, dass auf einem rein intelektuellen, abgrenzenden Niveau kritsiert wird, insbesondere in den Feuilletons, obwohl es selbstverständlich auch da Ausnahmen gibt, mir fehlt häufig wirklich diese Begeisterung, und der Versuch einen Künstler nachzuahmen führt ja nicht zuletzt dazu, dass man immer besser begreift, worum es ihm eigentlich gegangen ist, oder geht. Insofern brauchen wir mehr Begeisterung, mehr Handwerk, mehr Leidenschaft. Dein Projekt ist doch das beste Beispiel dafür, wie bereichernd diese drei Faktoren sein können.
      auf die Documenta bin ich gespannt, ich werde nächsten Monat hinfahren.

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