Familie

„Darum beneide ich sie“, hatte Linda eines Abends vor nicht allzu langer Zeit gesagt, als wir in einer der Ecken des enormen Parks zu Abend gegessen hatten und mit den Kindern auf dem Heimweg waren.“ […]

Es geht um eine große Menschenansammlung, mehrere Generationen umfassend, die in diesem Park grillen und reden und lachen. Knausgard und Linda unterhalten sich über das Phänomen Großfamilie und Linda sagt: […] alles konzentriert sich so auf uns, auf mich, dich und die Kinder. Stell dir vor, wir hätten etwas, worin wir verschwinden könnten!“

Ich glaube, ich verstehe, was sie meint. Das Prinzip Familie, das Phänomen Großfamilie. Das Muster das an die Stelle der Konzentration auf die einzelnen Fäden, tritt. Ein großes „wir“ statt ich, du, Kind A., Kind B., mit allen seinen Eigenarten, der Versuch, jedem, aber auch sich selbst, gerecht zu werden, oder das Ganze im Blick zu haben, das Gleichgewicht weniger als das Gewicht, das in so einer Aussagen liegen kann: Wir sind eine Familie. Und das sind wir eben tatsächlich nicht, keine Großfamilie, nur die jeweils kleinen Einheiten, die sich eher gegeneinander behaupten, als sich im großen Gesamtzusammenhang aufzulösen.

Aber natürlich hat auch das seinen Preis.

Ich glaube ein großes, vermutlich grundlegendes, Problem unserer Gesellschaft, ist die Tatsache, dass wir nicht anerkennen wollen und können, dass auch die Freiheit ihre Schattenseiten hat, ihren Preis fordert, ebenso wie der Fortschritt. Dass es vermutlich absolut nichts gibt, das nur gut ist.

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5 Gedanken zu “Familie

  1. Du ziehst weise Schlüsse. In jedem Lebensentwurf hockt ein Wurm, twitterte ich gestern.
    Und verrückt: Linda beneide andere, obwohl sie hat, worum ich sie beneide. Eine doofe Neidspirale dreht sich durch dieses Menschsein.
    Danke fürs Drüberschreiben!

    1. Ich glaube nicht, dass Linda beneidenswert ist. Klar, sie hat vier wunderbare Kinder (weil alle Kinder wunderbar sind), aber sie hat sie mit einem Mann, den sie liebt, und mit dem sie doch nicht zusammenleben kann. Wir alle haben eine Oberfläche, um die man uns vielleicht beneiden kann, und eine andere (tiefere? verborgene?) Seite, die nicht gleich offensichtlich ist. Naja, das wissen wir ja eigentlich beide. Mir ging es auch eher um diese Sache mit der Großfamilie, das Prinzip, das Lebenskonzept, dass wir vielleicht manchmal romantisch sehen, was aber auch wirklich sehr schöne Seiten hat (ich erinnere mich an einen Krankenhausaufenthalt, wo eine meiner Bettnachbarinnen von Dutzenden Familienmitgliedern Besuch bekam, alle brachten etwas zu essen mit und sie veranstalteten ein kleines Picknick im Krankenhaus), gleichzeitig sehen wir aber häufig nicht die ganzen Unfreiheiten und Verpflichtungen, die ebenfalls damit verbunden sind. Dass jedes Ding zwei Seiten hat, ist einerseits schwer zu ertragen, andererseits ungeheuer erleichternd. Vielleicht müssen wir nur lernen, immer diejenige Seite in den Vordergrund zu stellen, die uns das Leben leichter macht.

      1. Genau so habe ich es weitergedacht, danke! Und nein, richtig beneide ich Linda natürlich nicht. Nur um dieses eine Ding Familie. Aber selbst das natürlich nicht wirklich. Ich will mit niemandem tauschen. Ich bin froh um deine Anregungen, die ich bei mir im Blog weitergesponnen habe.

  2. Guten Morgen, liebe Elke, mein ganzes Leben lang sehne ich mich nach einer großen Familie, nein, nicht die Blutsfamilie, das hat ja nie wirklich funktioniert, aber die große Wahlfamilie tut es eben auch nicht. Letztlich ist es mir immer noch ein Rätsel warum tragende Netze irgendwann doch wieder reißen…
    Neidisch bin ich nicht, wenn ich Familienfeiern sehe oder höre, nur sehnsüchtig nach vertrauten Kreisen.
    herzlich grüße ich dich
    Ulli

    1. Ja, das verstehe ich sehr gut. Einerseits die Sehnsucht nach Familie, nach Gemeinschaft, je größer, desto besser, und auf der anderen Seite immer wieder die schmerzhafte Einsicht, dass man sich einfach nicht aufgehoben fühlt, dass es anstrengend und anspruchsvoll ist, und nicht diese Geborgenheit, die man sich wünscht und verspricht.

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