Der Roman als Form des Denkens

Im sechsten Teil seines Mammutprojektes schreibt Knausgard:

[…] denn für mich ist der Roman eine Form des Denkens, radikal anders als die Form des Denkens in Essays, Artikeln oder Abhandlungen, weil im Roman die Reflexion der Erkenntnis nicht als Mittel übergeordnet, sondern allen anderen Elementen gleichgestellt ist. Der Raum, in dem gedacht wird, ist ebenso wichtig wie der Gedanke. Schnee, der durch die Dunkelheit fällt, Autoscheinwerfer, die auf der anderen Seite des Flusses vorbeigleiten. Möglicherweise war das Wichtigste, was ich auf der Universität gelernt habe, dass man über einen Roman oder ein Gedicht praktisch alles sagen kann; und es kann durchaus wahrscheinlich und plausibel sein, aber niemals erschöpfend, und vielleicht auch nicht wesentlich, denn ein Roman oder ein Gedicht sind immer auch eine Kraft in sich, etwas ganz Eigenes. Und dass es nicht möglich ist, das, was das Gedicht uns sagen will, auf eine andere Weise als genau diese auszudrücken, lässt es zutiefst geheimnisvoll werden. Die Welt ist ebenso geheimnisvoll, aber das vergessen wir so gut wie immer, seit wir stets der Reflexion den vorrang geben, wenn wir sie betrachten.

Kämpfen, s. 193