Espedal „Biografie“

Was Espedal teilweise macht in Biografie (was auch Enquist macht in Blanche und Marie…) ist eine Überlagerung der Geschichten, Mutter, Tochter, Geliebte, die Bilder und Geschichten fließen ineinander.

Über seine verstorbene Frau schreibt er:

„Wo ist sie geblieben. Ich stehe in der Tür und sehe sie wie immer dort liegen, zwischen den Büchern und den Kissen, im Bett, im Schlafzimmer. Sie wirkt stiller, ruhiger, vielleicht – es ist immer noch möglich, das zu denken – schläft sie, sie schläft still heute Nacht, sie schläft ruhig heute Nacht, vielleicht schläft sie traumlos heute Nacht, eine sorgenfreie Nacht, eine kinderlose Nacht, eine Nacht ohne Träume davon, zu verschwinden, ein anderes Leben zu leben, ein reicheres, wilderes und kompromissloseres Leben. Aus dem Schlaf kann sie immer zurückkommen, aber sie schläft nicht, der Schlaf hat sie verlassen, und sie kommt nicht zurück, endlich ist sie davongekommen, sie vermisst uns nicht einmal.“

Ein unerhörter Gedanke (und dabei so nahe liegend, wenn er erst einmal dort steht), der Gedanke, dass die Toten entkommen sind, und uns nicht einmal vermissen.

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Bilder

Die Bilder. Und wie in den Bildern eine Andeutung des Geschehenen liegt, etwas, das analysiert werden kann, oder auch nur angedeutet. Mit dem Bild entsteht eine Vorstellung davon, was an die Oberfläche treten könnte, wenn man genauer hinsieht.

 

Alter

Alter ist: die Dinge verlieren ihre Bedeutung. In jeder Falte verbirgt sich ein Verlust. Ich bin traurig und einsam. Aber das hat nichts mit der Wahrheit zu tun, oder mit den Umständen. Alles liegt nur an meinen beständig schlechter werdenden Augen, die sich weigern zu sehen.

Vorbild

Vor dem Fenster erwacht der Tag. Wie viele Male ist dieser Satz schon geschrieben worden? Und immer war ein anderer Tag gemeint. Andere Stimmen, andere Luft, andere Geräusche.

Wie wir immer wieder (vergeblich) versuchen, uns zu erinnern. Und nie entsteht Wahrheit, im besten Fall eine stimmige Geschichte. Eine Nachdichtung des Lebens.

Inne halten und sich fest beißen, absichtslos würdigen und genießen, wie immerzu alles für mich sorgt. Schweigen und reden.

Und dieser Sommer. Das Vorbild der wilden vollkommen absichtslosen Mohnblumen, die so lange unverschämt rot leuchten, bis ich mir einbilde, dass auch ich das kann. Im Sommer leben, um im Winter über das Erlebte nachdenken zu können.

Ein weißes Feld – Lucas Cejpek

Ein weißes Feld“ ist Kunstgeschichte, Filmgeschichte, Literaturgeschichte, keine umfassende Abhandlung, eher eine Ansammlung zufälliger Eckpfeiler, an denen entlang die Assoziationen ein Feld beschreiben, weiß, aber aufschlussreich.
Das „Ich“ erscheint dabei als weißes Blatt, ergebnisoffen, oder unmöglich zu erkennen.

Abstrakt

Möglich, dass das, was vor uns liegt (auch die Einsamkeit, sogar der Tod) leicht ist. Kunststück, die Dinge, die vor uns liegen, sind abstrakt. Was kann uns das Abstrakte anhaben? Es wird vielleicht nie eintreffen, und selbst wenn es eintrifft, hat es vermutlich keine Bedeutung.

Wie ist das zu sterben? Der Moment, wenn du weißt, das war es jetzt. Im allernächsten Moment bist du tot? Und wie war das, als ich das erste Mal begriffen habe, Menschen sterben? Und kurz darauf, dass auch ich sterben werde, irgendwann?

Das war dieses Fallen, das einfach nicht aufhört (ich habe es irgendwann aus Mangel an Begriffen Angst genannt), dieses endlose abgrundtiefe Fallen, in dem sich ein Teil von mir löst und einfach nicht fassen kann, dass das wirklich ich bin, dieses kleine, ängstliche Stück Mensch, Adern und Sehnen und Knochen, von einer schützenden Schicht Haut umhüllt, die schwitzt, wenn es war ist, und friert, wenn es kalt ist, und kurz darauf ist der Moment auch schon wieder vorbei, und ich vergesse zwar nicht, dass ich sterblich bin, aber es bedeutet gerade nichts. Es ist wieder beruhigend abstrakt geworden.

Aufrichtigkeit

Es gelingt mir nicht, mir so lange selbst Fragen zu stellen, bis ich das Gefühl habe wenigstens in die Nähe von Aufrichtigkeit zu kommen. Es gelingt mir auch nicht, ehrlich und echt zu sein, ohne mich vorher zu fragen, wie dieses Verhalten bei meinen Mitmenschen ankommen wird. Es ist als würde mir das, was wir gemeinhin „ich“ nennen, nicht gelingen, während ich es andererseits nicht los werde. Es holt mich ein, stellt sich mir in den Weg, will ebenso beachtet wie überwunden werden, und eigentlich passiert alles mögliche mit diesem „ich“, außer dass es sich in meinen Dienst stellen lässt, mit mir zusammen arbeitet. Es verhindert, um es kurz zu machen, jegliche Absichtslosigkeit.

Wäre ich ein Roman, bestände ich aus unzähligen Anfängen, unzusammenhängenden Fragmenten, und gleichzeitig wäre in jedem Satz dieser Wille unüberhörbar, alles abzudecken, alles nicht nur richtig, sondern auch lückenlos vollständig zu machen.