Die Erzählung unseres Lebens

In ihrer Leipziger Poetikvorlesung (nachzulesen in der Neuen Rundschau Heft 1 2017) schreibt Doris Dörrie:

„Wir alle schreiben ständig an der Erzählung unseres eigenen Lebens, unserer story. Ich fing mit drei Jahren an, mir die Story des verstoßenen Kindes zuzuschreiben, das einsam und verlassen in der Welt ist.

Mit den Fakten hat diese Story nur bedingt etwas zu tun, wohl aber mit dem eigenen Gefühl. Und ganz gleich, wie sehr meine Eltern sich Mühe gaben, mir dieses Gefühl zu nehmen, besondere Dinge mit mir unternahmen, damit ich mich nicht vernachlässigt fühlen sollte – sie kamen nicht mehr gegen meine Story an.

Ich bestand auf ihr, war verletzt und beleidigt, isoliert und einsam. Auf jedem Foto aus der Zeit schaue ich wie ein waidwundes Reh -, aber irgendwann begriff ich, dass ich jemand anders sein konnte, wenn ich nicht die Welt um mich herum betrachtete, sondern mich in den eigenen Kopf zurückzog. Ich konnte mich verwandeln!“

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Ein Gedanke zu “Die Erzählung unseres Lebens

  1. Sehr klug, diese Bemerkung, dass jeder Mensch von frühstem Alter an an seiner Lebensstory schreibt und die Fakten nicht dagegen ankommen. Jeder bringt eine Grundtönung des Temperaments mit, die sich durchsetzen will und nach allen Versatzstücken greift, die vielleicht passen könnten, um sie zu bestätigen. („Ich bin …. „) – self-fulfilling, identitätsstiftend. Aussteigen aus solcher story kann man nur durch bewusste Entscheidung und viel Arbeit an sich selbst .

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