Nadeln

„Jeder Mensch ist ein Lied, das er selbst nicht singt“ (Les Murray)

Die Zeit ist ein scharfes Messer, die Zeit ist ein klebriger Teich, es gibt keine Wahrheit, aber mehrere Wirklichkeiten. Keine Möglichkeit zu vergessen, aber die Chance, Geschichten zu erzählen, die Vergangenheit umzuformen, den Faden selbst in die Hand zu nehmen, auch wenn die Nadel immer noch sticht. Der Schmerz wird nicht verschwinden, aber er wird aufhören, uns zu überwältigen.

Advertisements

Fäden und Stricke

Ein Weg besteht aus einer unübersehbaren Ansammlung an Fallstricken (als Kind kann man einen verlorenen Tag aus vollstem Herzen betrauern, die Wut einfangen, zusammenknüllen und aus dem Fenster werfen – aber später, viel später erst, kehrt sie als untröstliche Wehmut in ein gealtertes Hirn zurück)… Ich verliere den Faden, weil ich nichts zu sagen habe, und unversehens wird aus dem Faden ein Strick, an dem sich mein Großvater erhängt hat. Es wurde nie viel geredet über diesen Vorfall, inzwischen sind alle, mit denen ich reden könnte, tot. Überlebt hat die Erinnerung, wie mein rüstiger, kugelrunder Opa mit mir zum verwaisten Güterbahnhof wandert, damit ich Unmengen von Eicheln für die Tiere im Winter sammeln kann.

Und an seine Angewohnheit, immer eine Kastanie in der Jackentasche zu tragen.

 

Die Nähe der Sätze

„gibt es überhaupt, Milena, auf der Welt so viel Geduld, wie für mich nötig ist? Sag es mir Dienstag.“ (Kafka, Briefe an Milena)

Ich habe den Dienstag immer gemocht
Der Dienstag ist grün
Er ist einsam
Vielleicht träumt er manchmal von der Geduld
Er redet nicht
Er hat ein schlechtes Gewissen, oder ein gutes
Das bleibt sich gleich
Ein Gewissen hat er
Also macht er es sich nicht leicht

Der Dienstag ist eine Frau
Er schläft schlecht
Wenn er dennoch schläft,
quälen ihn einsichtige Träume
Ich werde mich an einem Dienstag in eine Frau verlieben
An einem Dienstag verliert sie die Geduld mit mir
Dann stellen wir unsere Sätze so nah nebeneinander,
dass kein Platz mehr ist zwischen ihnen
für uns.

Die Erzählung unseres Lebens

In ihrer Leipziger Poetikvorlesung (nachzulesen in der Neuen Rundschau Heft 1 2017) schreibt Doris Dörrie:

„Wir alle schreiben ständig an der Erzählung unseres eigenen Lebens, unserer story. Ich fing mit drei Jahren an, mir die Story des verstoßenen Kindes zuzuschreiben, das einsam und verlassen in der Welt ist.

Mit den Fakten hat diese Story nur bedingt etwas zu tun, wohl aber mit dem eigenen Gefühl. Und ganz gleich, wie sehr meine Eltern sich Mühe gaben, mir dieses Gefühl zu nehmen, besondere Dinge mit mir unternahmen, damit ich mich nicht vernachlässigt fühlen sollte – sie kamen nicht mehr gegen meine Story an.

Ich bestand auf ihr, war verletzt und beleidigt, isoliert und einsam. Auf jedem Foto aus der Zeit schaue ich wie ein waidwundes Reh -, aber irgendwann begriff ich, dass ich jemand anders sein konnte, wenn ich nicht die Welt um mich herum betrachtete, sondern mich in den eigenen Kopf zurückzog. Ich konnte mich verwandeln!“

Splitter

Auf einmal kann sie sich nicht mehr erinnern. Weil es nicht länger weh tut, sich zu erinnern. Weil es auch nicht glücklich macht. Weil alles gleichgültig geworden ist. Nicht einmal abgrundtiefe Leere. Nur ein Vakuum. Darin einzelne Splitter. Puzzleteile.

Und niemand, der bereit ist, sie zusammen zu setzen.

Was erkennt man in einem Spiegelbild, das in tausend Splitter zerbrochen ist?

Narbenschmerz

Sehr früh geht das Kind aus dem Haus. Das Kind, das das Gymnasium besucht, das ihr in vielen Bereich intellektuell längst überlegen ist. Das Kind, das immer wieder einmal einen Ausflug zurück in die Kindheit versucht, um dann festzustellen, es holpert und stolpert, da stimmt so vieles nicht, dass es bald ganz von allein damit aufhören wird. Und sie ist dieses „zurück“, das Zurück in die Kindheit, zurück in das Zuhause, das das Kind, das jeder Mensch, in jedem Alter, immer noch braucht.

Eine Zeitlang war diese Loslösung, dieses Abschied nehmen, eine offene Wunde. Es tat weh und sie wusste genau, warum. Und dass es so sein musste, wusste sie auch. Irgendwann hat sich eine zarte neue Haut gebildet über der Wunde. Was jetzt weh tut, ist eine Art Narbenschmerz, der vermutlich weder vergeht noch verheilt.

Sie hebt noch einmal die Hand. Das Kind verschwindet im frischen vielversprechenden Morgen, und sie trottet müde ins Haus zurück.

 

 

Wahrheit

Die Suche (das Bohren) nach Wahrheit hielt mich am leben. Das Geheimnis meiner Angst. Was ist das für ein Geheimnis seit der Kindheit? Es hat mit Feindseligkeit zu tun – etwas stimmt mit mir nicht.

(Louise Bourgeois)