Misstrauen

Louise Bourgeois sagt, Kunst macht man nicht aus einer Absicht, oder weil man es will, weil man es vielleicht kann. Man macht die Kunstwerke, weil man muss. Weil es schlicht keine Alternative (und kein Nachdenken) gibt, außer genau das zu tun.

Ich empfinde diesen Zwang nicht. Oder er ist sehr tief vergraben unter meiner Angst, unter meinem Misstrauen mir selbst gegenüber.

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9 Gedanken zu “Misstrauen

  1. Ich glaube, das liegt an der Perspektive und wie man Zwang definiert. Wenn man ihn positiv besetzt als Antrieb, dann ja, ich zum Beispiel bin gezwungen. Das ist meine Natur, ich kann gar nicht anders. Irgendwas hat mir das gegeben und jetzt ist es meine Aufgabe das zu tun.

    Aber ich kann auch verstehen, wenn man es anders sieht, denn es ist schon eine nun ja „geistige“ Ansicht, und das mit dem Misstrauen hat bei mir selbst auch mal eine große Rolle gespielt, warum ich das nicht erkannt habe. Es muss selbstverständlich nicht für andere gelten.

    1. Toller Kommentar, ich finde Louise Bourgeois darin wieder, die ja auch gesagt hat, die Kunst, Künstlerin zu sein, ist ein Privileg, dessen man sich eben dann den Rest seines Lebens würdig erweisen muss. Auch der zweite Absatz gefällt mir sehr, dass das Misstrauen sich selbst gegenüber, diese „Bestimmung“ so zudecken kann, dass man sie nicht erkennt.

  2. Ich identifiziere mich zwar mit dieser Definition, aber das Wort Zwang passt für mich nicht, es ist dennoch ein Müssen, ein gutes Müssen, eins wie wenn du Hunger hast und endlich etwas zu essen da ist oder wie wenn du dringend aufs Klo musst und endlich kannst. Dieses erleichternde Müssen. (Und ja, daran kleben Angst und Zweifel, sowohl am Prozess als auch am Ausdruck/Produkt. Dennocb … ich glaube, etwas anderes geht nicht.)

    1. Ich mag „müssen“ eigentlich noch weniger als Zwang. Merkwürdigerweise kam mir beim Lesen und Zitieren von Bourgeois gar nicht in den Sinn, dass „Zwang“ ja alltagssprachlich tatsächlich eher negativ konnotiert ist. Ich empfand es in ihrem Zitat als große Erleichterung, als etwas, das einfach wirkt, ohne dass ich mich jedes Mal aufs Neue dafür entscheiden muss.

      1. Ja, das klingt in mir an. Müssen mag ich auch nicht. Mir fällt bloß kein wirklich treffenderes „neutrales“ Wort ein, oder vielleicht Drang, Drängen, Sehnen?

  3. Zur Erläuterung dazu, wie Bourgeois „Zwang“ versteht vielleicht noch dieses Zitat aus einem Interview von ihr mit Donald Kuspit: „Nein, ich habe mein Werk nicht für jedermann geschaffen, vielleicht habe ich es für niemanden gemacht. Meine Kunst war meine Überlebensstrategie. Sie war ein Grundbedürfnis für mich.“

  4. Aber Du machst ja etwas, das kommt nicht aus dem Nichts. Du hast viel Energie, eine Architektur ensteht, ist auf Deinem Blog schon lange zu sehen. Dazu kann ich Dich nur beglückwünschen! Angst, Misstrauen – sie werden zu etwas nützlich sein. Von mir aus sollen sie weiter am Tisch sitzen, wenn sie nur nicht alles aufessen! – Es freut mich, hier ein bisschen über Louise Bourgeois zu lesen. Ich kenne sie kaum, ahne aber, dass sie in ihrer Berufsauffassung und ihrem Lebenswillen vorbildhaft war und ist. – Ich glaube, es ist nicht richtig, nur ein abgerundetes Kunstwerk, nur den großen Wurf usw. als relevant zu begreifen und, daraus folgend, alles, was diesem Modell nicht entspricht, unter dem Vorzeichen des Gescheiterten zu betrachten. Der Wert des Unfertigen, Bruchstückhaften steht auch meines Wissens seit langem nicht mehr in Frage. Sicher, es gibt den großen Wurf, aber daneben, glücklicherweise, auch das Hingezögerte, das widerwillig Hergegebene, das gesammelte Zurückbehalten und dann doch das karge Aufgeschriebene mit seiner Eihaut aus Schweigen.

    1. Danke für die Aufmunterung, Meinolf, auch wenn ich selbst die Architektur gerade tatsächlich nicht erkennen kann. Aber das ist ein Grund mehr, hartnäckig zu bleiben. Auch so ein Wert, den ich während der Beschäftigung mit Bourgeois gelernt habe, ich habe sie übrigens 2006 entdeckt, als es hier die wunderbare Ausstellung „la famille“ von ihr gegeben hat. Und ganz vielen Dank für die „Eihaut aus Schweigen“, eine ganz wunderbare Formulierung.

  5. Ich kann mich in dem Zitat durchaus wiederfinden, würde es aber weniger als „müssen“ beschreiben, denn ich habe immer noch die Wahl, sondern eher als das einzige, das sich in dem Moment richtig für mich anfühlt, und als einen Weg, etwas herauszulassen, das so sehr danach drängt, aus mir herauszukommen. Ich kann mich dem verweigern, erlebe dann aber auch nicht die Befreiung, die mir Kunst geben könnte.

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