Heimat

Der Geist ließ die Fähigkeit des Körpers, feinste Geräuschunterschiede wahrzunehmen, ungenutzt. Und so blieb sein Wissen vom Ort oberflächlich. […] Existentielle Einsamkeit und ein Gefühl der Belanglosigkeit des eigenen Lebens – beides Kennzeichen moderner Kulturen – wurzeln zum Teil, scheint mir, in unserer Abkehr vom Glauben an die Heilsamkeit einer Bindung zum Ort. Ein beständig erneuerter Sinn für die unergründliche Komplexität von Zusammenhängen in der Natur, Mustern, die stets gegenwärtig und erkennbar sind und den Betrachter mit einschließen, wirkt dem Gefühl, man sei in der Welt allein, oder habe in ihr keine Bedeutung, entgegen. Das Bestreben, einen Ort genau zu kennen, ist letzthin Ausdruck der menschlichen Sehnsucht nach Zugehörigkeit, einem festen Platz im Leben.

Der Entschluss, einen bestimmten Ort kennen zu lernen, wird meiner Erfahrung nach durchgehend belohnt. Und jeder Naturort, meine ich, ist kennenlernbar. Und irgendwann in diesem Prozess beginnt man zu spüren, dass man selbst gekannt wird, so dass man weiß, wenn man nicht an dem Ort ist, fehlt man ihm. Und diese Gegenseitigkeit, zu kennen und gekannt zu sein, verstärkt das Gefühl, dass man in der Welt gebraucht wird.

Vielleicht lautet die oberste Regel für alles, wonach wir streben, aufmerksam zu sein. Eine weitere lautet vielleicht, Geduld zu haben. Und eine dritte, auf das Wissen des Körpers zu achten […]

Dieser Augenblick ist eine Einladung, und die Einladung des Bären, teilzuhaben, gilt jedem, der vorüber kommt, ohne Ansehen der Person.

(Barry Lopez  aus the invitation übersetzt in Auszügen abgedruckt in der Neuen Rundschau 04/2016

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