Schuldträger

Kaum stand es da, dieses Zitat von Thomas Melle, dass es keine Schuldigen gibt, nur die Schuld, kam es mir falsch vor, das so unkommentiert dort stehen zu lassen. Denn natürlich gibt es nicht nur die Schuld, sondern wenigstens Verantwortung und wer die nicht übernimmt, macht sich u.U. zum Schuldigen.

Und dann kam eine Mail von der wunderbaren Bess, mit einer tiefreichenden Erweiterung dieses Themas. Sie schrieb:

 

Aber so wie es Wasserträger gibt, gibt es Schuldträger.

Und Schuldträgerinnen. Ich bin eine von ihnen.

 

(Und wenn man sie einmal beherrscht,

die Kunst, ein Joch auf sich zu nehmen,

greift man gern zu und nimmt auch noch anderer

Schuld auf die Schultern.)

Bess

 

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12 Gedanken zu “Schuldträger

  1. das Bild ist schön, aber ich finde es falsch. Wasser trägst du, weil Wasser gebraucht wird in den Siedlungen. Schuld wird nicht gebraucht. Und wenn du die Schuld auf deine Schultern lädtst. belastest du dich, aber entlastest nicht den, zu dem sie gehört. „Jeder trage seine eigene Schuld“ – sage ich. Das reicht völlig.

    1. Gefällt mir sehr, deine kluge Antwort, Gerda. Allerdings möchte ich ein wenig relativieren, dass vielleicht einfach diejenigen gemeint sind, die in Gemeinschaften zu „Wasserträgern“ erkoren werden, und leider ist es doch so, dass wir das im gesellschaftlichen Rahmen auch zu „brauchen“ scheinen, dass jemand die Schuld trägt. Das ist ja gerade wieder ein sehr virulentes gesamtgesellschaftliches Phänomen. Was nicht nötig wäre, wenn wirklich jeder sich mit seiner eigenen Schuld (ich nenne es lieber Verantwortung) auseinander setzen würde. Die Frage ist vielleicht, wie bringt man immer mehr Menschen dahin, Verantwortung zu übernehmen, statt Schuldige zu suchen und zu benennen, um Ängste zu bewältigen und mit der Ohnmacht zurecht zu kommen, die so übergroß zu sein scheint?

      1. ja, so gesehen macht es mehr Sinn, befriedigt mich aber nicht wirklich. Schuldige zu suchen war schon immer sehr beliebt, man kennt den Sündenbock, der in die Wüste geschickt wurde, beladen mit allen Sünden. Nicht darum ging es hier ja, sondern ob es gut ist, Schuld von anderen auf sich zu nehmen. Ich habe das lange getan. Ich sah so viele Tote, Millionen Tote, für die niemand die Verantwortung übernehmen mochte, und so dachte ich, dass ich es tun müsse. Und ging, wie so manche Deutsche, schuldbeladen durch die Welt. Niemand hatte mich dazu gemacht, ich selbst tat es. Wem nützte ich damit? Nützte ich wirklich den Toten? Nützte ich mir? Nützte ich den Schuldigen?
        Ich kam zu der Überzeugung, dass ich niemandem damit nützte, und so ließ ich es schließlich bleiben und ließ die Schuld bei den dafür Verantwortlichen, wandte meine Aufmerksamkeit gleichzeitig verstärkt meiner eigenen Verantwortung für Dinge die ich tat oder unterließ zu. gen sollte oder könnte,
        Ich glaube nicht, dass man andere dazu bringen sollte oder könnte, Verantwortung für ihr Tun zu übernehmen. Es reicht, wenn man es selbst tut. Liebe Grüße!

      2. Ganz herzlichen Dank für diese Berichtigung und Erklärung deiner Gedanken, Gerda. Jetzt kann ich absolut mitgehen. Das ist enorm gut und wichtig, die Verantwortung dort zu lassen, wo sie hingehört, und sich der eigenen Verantwortung zu stellen.

  2. Ich bin froh, dass du das Ganze noch einmal aufnimmst, weil ich mit diesem Satz so nicht einfach einverstanden sein konnte. Denn wie anders soll ich z.B. einen Gewaltverbrecher sehen, wenn nicht als Schuldigen? Warum er so geworden ist, das ist dann eine andere Frage, die Ursachen hierfür können wiederum neue Schuldige ausfindig machen, was aber am Ende bleibt, ist dass dieser Mann seine Schuld zu tragen hat, weil er sich für das Gewaltverbrechen schuldig gemacht hat.
    Schuld ohne Schuldige macht für mich keinen Sinn.
    herzliche Grüsse
    Ulli

    1. P.S. mir geht noch die Fremdschuld nach … es war eine lange Zeit, dass ich mich für alles, was schief lief schuldig fühlte, bis ich begriff, dass meine Verantwortung nur für meins gilt, für mein Handeln, mein Tun, seitdem get es mir besser, wenn ich auch noch oft damit konfrontiert bin, dass mir andere für irgendwas die Schuld in Schuhe schieben wollen und u.U. sehr grantig werden können, wenn ich sage: das nehme ich jetzt nicht…

  3. Na ja, es gibt vieles, was für mich keinen Sinn macht, und dennoch existiert es. Ich mag den Begriff „Schuld“ eigentlich gar nicht. Das scheint etwas derart erdrückendes und unbewegliches zu sein, nicht mehr als ein Urteil. Lieber ist mir die Verantwortung, die etwas ändern kann, die im besten Fall sogar etwas heilen kann. Und die man selbstverständlich auch ablehnen sollte, wo sie einfach nicht angebracht ist.
    Während die Schuld eben einfach nur festschreibt, so dass es dann eventuell wirklich so etwas abstraktes wie Schuld gibt, in der Geschichte z.b. Und ich wünsche mir, dass wir uns daran erinnern, um daraus zu lernen, rechtzeitig Verantwortung zu übernehmen für das was wir tun und denken, wie wir handeln.

    1. Darin stimme ich dir zu, liebe Elke, ich spreche auch lieber von Verantwortung als von der Schuld, da es sie aber nun einmal gibt, versuche ich auch diese einzuordnen.
      Mit Schuld wurde mir durch meine Sozialisation ein grosses Gewicht auf die Schultern gelegt, es gab Schuld, die nichts mit mir zu tun hatte, darum habe ich viele Runden mit ihr gedreht- heute trage ich Verantwortung und stehe zu meinem Handeln und Gesagtem, Schuld nehme ich in der Regel nicht mehr.
      liebe Grüsse
      Ulli

  4. Noch ein paar Gedanken.

    Nun, unabhängig von der wünschenswerten Entwicklung, nur eigene Schuld und Verantwortung anzunehmen und zu tragen, vielleicht in Folge eine Wiedergutmachung eigener Natur zu leisten – sehe ich sie auf den Straßen, kenne ich sie unter Freunden.
    Und – wieder abgesehen von einer objektiven Sinnhaftigkeit – kann ich nicht beurteilen, ob das „Schuldtragen“ den betroffenden Menschen einen „Nutzen“ bringt, einen persönlichen Sinn hat.

    Stoff für Erzählung oder Märchen. Wie der Schuldträger, ein vom Mensch nicht kontrollierbares oder steuerbares Wesen wie der Tod, umhergeht und hie und da stehen bleibt, um einem Menschen ein Päckchen aufzuladen. Die Frage, gibt es einen Kreislauf der Schuld? Werden die Behälter des Schuldträgers kontinuierlich aufgefüllt? Und die verschiedenen Wege, was nun die Menschen mit ihrem „Päckchen“ tun. Wo geht die Schuld hin? Wird sie getauscht gegen Wohlverhalten? Löst sie sich auf? Wandert sie weiter?

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