Thomas Melle – Die Welt im Rücken

Zwei Dinge geschehen gleichzeitig beim Lesen von Thomas Melles „Die Welt im Rücken„. Einmal ungläubiges Mitleid, wie sich einer aufgrund von fehlgeleiteten Botenstoffen, Neurotransmittern, Hormonen, einer Krankheit eben, immer wieder so unfassbar (und zunehmend folgenreicher) in die Scheiße reiten kann, aber damit einhergehend eben auch, dass ich (wenigstens für die Dauer der Lektüre) Gewalttäter, Randalierer, Verrückte eben, nicht länger einfach so verurteilen kann (den Mann mit dem irren, unglaublich aggressiven Blick in der U-Bahn z.B.). Dieses gut und schlecht, richtig und falsch, bekommt Risse. Wieder dieses Diktat, alles zu verstehen, sich einzufühlen, zu beobachten, statt zu (ver) urteilen. Und gleichzeitig weiß ich, dass mit diesem ganzen Verständnis, diesem unerfüllbaren Anspruch allen gerecht zu werden, kein Schreiben möglich ist. Jedenfalls nicht das Schreiben, das ich eigentlich will.

Radikal und verständnisvoll, das gibt es nicht zusammen. Zumindest für bestimmte Bereiche schließt sich das aus. Andererseits gibt es natürlich auch nichts wirklich wertvolles ohne Einfühlung. Nur muss daraus eine Haltung erwachsen, nicht Beliebigkeit. Und vor allem nicht dieser billige als Schutzmechanismus hervorgestoßene Satz: Das könnte ich nicht.

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10 Gedanken zu “Thomas Melle – Die Welt im Rücken

  1. Genau dadrüber zerbreche ich mir auch den Kopf: Wie kann ich wahrhaftig schreiben und diese Kontraste, diesen Selbstanspruch, einweben? Geht das überhaupt und wenn ja wie?
    Danke für diese deine Anregung. (Irgendwie tröstlich, dass du dieses Dilemma auch kennst.)

    1. Obwohl sich mir das Problem nicht beim Schreiben stellt, sondern in der Stufe davor. Wenn ich nämlich wieder zu sehr alles richtig machen, bzw. es allen recht machen will, kann ich schlicht gar nicht schreiben, bzw. es sind gequälte hölzerne Sätze, und meilenweit entfernt davon, irgendeine Art von Freude oder Befriedigung dabei zu spüren. Also ich möchte mir das eigentlich viel häufiger erlauben, ungerecht zu sein, es falsch zu machen und genau dazu zu stehen, im Schreiben.

  2. Einen unglaublich starken Text hast Du da geschrieben in dieser tiefen und schmerzhaften Wahrhaftigkeit…sie allein ist es doch, die zählt, oder?
    Poetin, sei ganz lieb gegrüßt!

  3. Liebe Elke,
    Deins passt ausgezeichnet zu meinem heutigem Artikel, wir diskutieren gerade bei mir wie Einigung denn wirklich aussehen kann, was es dazu braucht. Ich nenne es Öffnung, ohne dabei meins in die Ecke zu stellen und von hieraus zu schauen was ich von meinem jeweiligen Gegenüber zu mir nehmen kann, was nicht. Aber ja, dazu braucht es die Öffnung von beiden Seiten, sonst kann es nicht funktionieren!
    Dein Satz, dass es nichts wirklich Wertvolles ohne Einfühlung gibt trifft es für mich.
    Schön, dich wieder zu lesen. So wünsche ich dir ein reiches und gesundes neues Jahr, voller neuer Farben!
    liebe Grüsse
    Ulli

    1. P.S. Gerade denke ich noch, dass Radikalität von Emotionen gespeist wird, die aber oftmals eher im Weg stehen, als förderlich wären. Dennoch zeigen uns radikale Gedanken das Darunterliegende, die Unzufriedenheit mit diesem und jenem und es gilt, was immer gilt, alles hat seine Berechtigung und alles ist mit allem anderen verwoben. So also auch beim schreiben, wieso radikale Gedanken nicht zulassen, sie sind Teil, kommt nur darauf an, wie wir sie zeigen und wohin sie führen, oder?

      1. Das wünsche ich Dir natürlich auch, liebe Ulli, ein gesundes aufregendes Jahr zwischen Radikalität und Haltung, voller neuer Farben. Die radikalen Gedanken will ich ja gerade und es ist immer wieder dieser Gerechtigkeitsanspruch, der sie vertreibt. Aber vielleicht ist es gar nicht so sehr dieser Anspruch, sondern immer noch und immer wieder dieser Irrglaube, ich könnte es richtig machen, statt mir einfach meine eigenen Fehler zu erlauben, mir die Möglichkeit zu geben, aus ihnen zu lernen…

      2. M … was steckt denn hinter dem Wunsch fehlerfrei zu sein, zu bleiben und was ist in Bezug auf Radikalität ein Fehler, braucht es denn nicht manchmal auch den scharfen Schnitt? Gerade weiss ich gar nicht, ob ich dich wirklich verstanden habe- aber das liegt an meiner etwas angeschlagenem Sein, bin schon wieder krank, das fühlt sich wie 2015 an, als ich von einem kranksein ins andere fiel, aber dieses Mal warte ich nicht solange, bis ich mir Hilfe hole!

  4. nein, Radikalität ist sicher kein Fehler, sie birgt nur die Gefahr, sich angreifbar, verletzlich zu machen, was nicht schwammig ist, polarisiert eben. Aber das klingt gar nicht gut, was Deine Gesundheit betrifft. Ich wünsche Dir, dass sich das schnell wieder löst, gute Besserung, mit oder ohne Hilfe!

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