Webmuster

Die Zeit floss (zerfiel zu Staub), ohne irgendeinem Zusammenhang zu folgen. Willkür und Chaos. Ich stand da in der Mitte des Zeitstrudels, in dem die Pfeile der Vergangenheit mich immer wieder zielsicher an den schmerzendsten Stellen trafen, und versuchte die Fäden wenigstens festzuhalten, wenn ich sie schon nicht ordnen konnte.

Ich dachte an Penelope, die immer die Übersicht über die Fäden behalten hatte, Webmuster, Schiffchen, an die Wiederholungen, das ständig gleiche Spiel von Tag und Nacht, Weben und Auftrennen, und dass das alles ein Täuschungsmanöver sein sollte. Eine List. Ich hatte das Gefühl, dass diese Deutung ihr nicht gerecht wurde. Meiner Heldin Penelope nicht gerecht wurde.

Sie hatte eine Vision. Eine genaue Vorstellung, wie die Zukunft sein sollte. Aber manche Fäden (der nicht zurückkehrende Mann, der immer eigensinniger werdende Sohn, die politischen Verhältnisse…) schossen quer, zerstörten das Muster, und sie begann von Neuem. Vielleicht war sie nicht bereit, Fehler zuzulassen, Löcher, vielleicht wollte sie sich aber auch nur selbst beschützen, mit einer Geschichte über ihr Leben, die niemals ganz der Wahrheit entsprach.

Anders Petersen – Retrospektive im Marta

Eine sehr schöne Ausstellung war das, die ich mir am Sonntag im Marta ansehen durfte. Die Fotos von Anders Petersen haben eine ganz besondere Aufrichtigkeit und Verletzlichkeit, jedes Bild erzählt Geschichten. Was er über die Serie, die er im „Café Lehmitz“ zwischen 1967 und 1970 aufgenommen hat, sagt, ist das, was seine Fotos für mich auszeichnet.

Das Café Lehmitz war ein besonderer Ort, der so nur in Hafenstädten existierte. Es war von Mitternacht bis acht Uhr morgens geöffnet. Heute gibt es solche Orte fast nicht mehr, außer vielleicht im Osten Europas. Hier begegnete man ganz besonderen Menschen: einem berühmten Schwertschlucker und einem Kleinwüchsigen namens „Zwerg“, einem Zuhälter und einer Bade, die gerade eine Pause einlegte, bevor sie ihren nächsten Überfall im Park plante. Sie trinken, kämpfen, küssen und tanzen oder schreien einander an. Ich war einer der ersten Fotografen, der in dieser Art von Bars gewesen ist. Die Leute im Lehmitz hatten eine Präsenz und eine Aufrichtigkeit, die mir selbst fehlte. Es war okay verzweifelt zu sein, zärtlich zu sein, ganz allein zu sitzen oder die Gesellschaft anderer zu teilen. Es herrschte große Wärme und Toleranz an diesem verarmten Ort.

Anders Petersen - Retrospektive
Anders Petersen – Retrospektive

Für S.

Sich selbst an die letzte Stelle zu setzen, habe sie gründlich, von der Pike auf, gelernt, sagt sie. Und dass es nicht notwendig sei, ihr ein Gesicht zu geben, nur Hände, mit denen sie zupacken kann, streicheln, trösten, auffangen. Alle, die ganze Welt. Nur nicht sich selbst.

Vorbei

Sie ging hin und her, auf und ab, sie stolperte, sie strauchelte, je häufiger, umso mehr sie sich bemühte, alles richtig zu machen. Ihre Schritte waren nicht gut genug, und stehen bleiben durfte sie nicht. Es wird vorbei gehen, redete sie sich ein. Aber es ging nicht vorbei, es stolperte, stockte und fiel vorbei. Es wand sich vorbei, und die Scham hatte ohnehin kein Ende.

 

Verletzungen

Es ist ja so, dass jeder von uns seine eigenen Verletzungen erfahren muss. Dass es eine Lehre gibt, die wir begreifen müssen, eine Aufgabe, die erfüllt werden muss. Und das gelingt mal schmerzhafter und ein anders Mal leichter, aber helfen kann uns niemand dabei. Nur beistehen und uns ermutigen, eine Deutung zu finden, die es uns ermöglicht, uns selbst anzunehmen. Uns, und diese Aufgabe, die uns gestellt wird.

18. Januar

Meine kleine Kapelle der Grausamkeit, und wie die kleine Frau sie stürmt (die Worte flossen aus mir heraus, überschwemmten die Zuhörer. Kein Applaus, denn als ich fertig war, waren alle in diesem Wortschwall ertrunken. Niemand mehr übrig, der applaudieren konnte. Nur Stille.)