Das Kind

Das Kind fällt schwerelos in ein Loch aus Zeit. (es müsste ein Strudel sein, denkt es, der mich einsaugt, bis nichts mehr da ist. Nicht der Hauch einer Erinnerung.) Aber da ist nur die Schwerelosigkeit. Das Loch. Und die Zeit.

Die Zeiten kollidieren nicht, wenn sie aneinander vorbeirasen. Es ist ein heilloses Durcheinander.

Plötzlich hat das Kind wieder eine Mutter, im nächsten Moment liegt es als Greisin auf dem eigenen Sterbebett. Die Bilder wechseln so schnell und ungeordnet, dass das Kind das Bewusstsein verliert. Alles ist schwarz. Aber nur eine kurze Zeit lang. Dann sieht das Kind seinen großen weißen Körper, aufgebahrt auf einem Bett. Überall an den Armen, den Leisten, und den Außenseiten der Beine, sind Stricke befestigt. Taue, die von hässlich gemeinen Kreaturen festgehalten werden, die es daran hindern, sich zu bewegen.

Nur der Kopf ist frei. Das weiß das Kind, obwohl es kein Gesicht erkennen kann. Das des gefesselten Körpers ebenso wenig, wie das der winzig kleinen, aber ungeheuer kräftigen Kreaturen.

 

Ihr seid alle nur da, weil es mich gibt, sagt das Kind, das das Kind gern sein würde. Und dann ist alles still und dunkel. Aber das Gegenteil von friedlich.

Am nächsten Morgen hat das Kind Kopfweh und Fieber. Aber es steht trotzdem auf. Zu funktionieren hat es gründlich gelernt. Und zu funktionieren beruhigt das Kind so gut und zuverlässig, wie nichts sonst auf der Welt.

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18 Gedanken zu “Das Kind

  1. Ein Kind sollte noch nicht funktionieren und schon gar nicht darin eine Beruhigung finden, denn das Kind sollte Kind sein dürfen, aber das scheint ihm, warum auch immer noch, nicht möglich gemacht worden zu sein und das stimmt mich nachdenklich.
    Was träumt das Kind und was davon ist in seinem realen Leben? Wer oder was hält es gefangen, wer steckt hinter den Kreaturen …
    Ich würde jetzt gerne das Kind in den Arm nehmen und halten, still …

    herzliche Grüße
    Ulli

  2. ein vielschichtiger Text, der mich zum Nachdenken anregt, Besonders dort, wo du vom „heillosen Durcheinander“ sprichst, von der Gleichzeitigkeit so vieler Zustände und so vieler Tempi, komme ich ins Sinnieren.
    Manchmal scheint mir, dass das Funktionieren vor allem als Beruhigungsmittel gegen die „deutsche Angst“ eingesetzt wird: Funktioniere! Wenn du nicht mehr funktionierst, bricht alles zusammen.
    In der griechischen Gesellschaft ist die Toleranz gegenüber Anarchie viel ausgeprägter, die Menschen haben gelernt, in chaotischen Zuständen zu überleben. Hier bewundert man einerseits das Funktionieren der deutschen Gesellschaft, empfindet es andererseits als bedrückend, als Angriff auf die Freiheit des Einzelnen. Das Gefühl von Sicherheit wird nicht durchs Funktionieren des Gemeinwesens, sondern durch den Glauben an die eigene Kraft und die Tragfähigkeit der zwischenmenschlichen Beziehungen genährt.
    Ist diese Erweiterung deines poetischen Textes zu einem Kulturvergleich nun abwegig?

    1. nein, ganz und gar nicht abwegig. Im Gegenteil; ich freue mich sehr über diese Erweiterung, über die ich jetzt gerne nachdenken werde. Das Funktionieren als Beruhigungsmittel finde ich sehr treffend. Gerade in der Arbeitswelt wird ja zunehmend (und mit weitreichenden Folgen) mit der Angst operiert, und vielen Arbeitnehmern scheint nichts übrig zu bleiben, als dem ihr willenloses Funktionieren entgegen zu setzen. Ich finde es gerade in dem Zusammenhang sehr fruchtbar, über kulturelle Unterschiede nachzudenken, und sich das von dir beschriebene „griechische Modell“ anzusehen. vielen Dank für den Input!

  3. das kind ist eine greisin, die greisin ist ein kind… das verschwimmt hier für mich sehr wirksam.
    zu funktionieren kann eine art halt geben… aber es ist nicht die art von halt, die „das kind“ (und jeder von uns!) braucht.
    starke zeilen!

  4. Sitzt ein weiteres Kind neben dem Zeitstrudel.
    Blicke tauschen die beiden nicht, jedes folgt seinem Bild.
    Mag sein, sie ahnen die Gegenwart des anderen.

    „Am nächsten Morgen hat das Kind Kopfweh und Fieber. Aber es steht trotzdem auf.“
    [b]Kranksein bedeutet nichts. Es wird das Korsett anlegen und funktionieren.[/b]
    „Und zu funktionieren beruhigt das Kind so gut und zuverlässig, wie nichts sonst auf der Welt.“

  5. Wir sind alle alles. Da Kind, die Frau in den mittleren Jahren, die Greisin. Und wir sind die, die an den Seilen ziehen. Wir sind die, die den Sarg schmücken und die, die das Kind in den Arm nehmen. Die vor allem, bloß haben wir vergessen, wie das geht. Aber nur manchmal.

    Ich drück dich.

  6. Ich sehe da natürlich eine spezielle Art Kind, Abnormalitäten, die ein Kind in eine solche Rolle als kleiner Erwachsener, der innerlich viel zu schnell vergreist, da er altersgerechte Erfahrungen nicht machen kann, gibt es allerdings viele. Und ohne das Kind funktioniert keine dieser Abnormalitäten in sicheren Bahnen, so dass das Kind zu dem Schluss kommt funktionieren zu müssen. In diesem System und dem sich daraus ergebenen Zustand zerstört sich das Kind aber auch immer wieder selber, weil es keine Auswege gibt. Für mich sind das die Bilder, ab Die Zeiten kollidieren nicht…, auch mit dieser ambivalenten Mutterrolle, die das Kind schon gar nicht mehr gewohnt war, aber mit kindischen Instinkten natürlich halten will (und auch wieder nicht, weil es ja gerlernt hat, da ist kein Vertrauen und es ist ihr eigentlich überlegen).

  7. Das Loch, der Strudel, die sich auflösende, verspiegelte Zeit, das Kind, das sich selber zusieht, wie es auf dem Bett liegt, das auch eine Greisin auf dem Totenbett ist oder ein Etwas, welches das Kind, das ohnmächtige, liegende Kind, das eigentlich bereits schon woanders ist, festhält… Das alles klingt für mich wie Sterben. Ein Nahtod-Erlebnis?

  8. Ich verstehe, warum Funktionieren beruhigt. Eine Funktion geschieht in einer zeitlich geordneten Abfolge, Ursache und Wirkung stehen wieder hintereinander und nicht simultan. Vermutlich würden wir an der Wahrnehmung der Zeit, so wie ihre Beschaffenheit wirklich ist, zugrunde gehen.

    1. Das ist schön, dass Du die heilsame, die notwendige Seite des Funktionierens erwähnst. Es hat alles seine Zeit. Das Kind hat das Funktionieren eine Zeitlang gebraucht, um zu überleben, aber dann kommt die Zeit, wo es sich bewusst werden muss, dass es „nur“ funktioniert, statt lebendig zu sein, seine eigenen Bedürfnisse und Wünsche zu spüren.

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